6000 Kilometer : Radtour rund um Deutschland

radelnde rentner
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Sechs Lecker Herren im Alter von 65 bis 79 haben die letzte Etappe ihrer ganz persönlichen Herausforderung hinter sich gebracht

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02. Juli 2015, 08:30 Uhr

Es ist 16.15 Uhr, sechs Ehefrauen und Lecks Bürgervorsteher Andreas Deidert warten gespannt vor einem Einfamilienhaus im Hummelring. „Herzlich Willkommen unseren Deutschlandtourern“ steht auf einem Plakat. Und dann kommen sie: Mit großem Geklingel fahren sechs sonnengebräunte Radler vor, die gebührend vom Empfangskommittee bejubelt und geherzt werden.

Eigentlich wollten die Männer schon um 16 Uhr ankommen. Aufgehalten hat sie die verdiente Belohnung für ihren Erfolg: „Beim 6000. Kilometer gab es erstmal einen Schnaps“, verrät Udo Schnoor. Der 74-Jährige ist der „Präsident“ der sportlichen Sechsergruppe, die ihr Ziel erreicht und die letzte Etappe ihrer ganz persönlichen Fahrradtour rund um Deutschland geschafft hat. Das Besondere: Das Projekt läuft seit 1998, und zusammen zählen die Radler 435 Jahre. Der Jüngste ist Günther Heuer mit 65, der Älteste ist Walter Ebeling mit 79 Jahren. Zur Gruppe gehören außerdem Hanspeter Saffran (72), Werner Rotstein (74) und Wilfried Kerl (71). Ursprünglich war auch Jupp Borgmann dabei, der inzwischen verstorben ist.

„Wir kennen uns alle vom Fußball“, berichtet Hanspeter Saffran. Und eigentlich habe der Vorlauf für das Projekt bereits 1994 begonnen. „Wir waren zusammen in Österreich wandern, zwei Jahre danach noch mal.“ Dann hätten dem einen oder anderen aber Knie und Hüften wehgetan, geben die Herren zu. Deshalb stieg die Gruppe beim nächsten gemeinsamen Bewegungserlebnis im Jahr 1998 aufs Fahrrad um. Das Ziel: einmal den Ostseeradweg von Glücksburg nach Travemünde zu testen. Das Radler-Sextett startete allerdings eher unbedarft. „Wir sind einfach losgefahren, ohne große Vorbereitung“, berichtet Udo Schnoor. Mit Folgen: „In Langballig hatte schon das erste Fahrrad Plattfüße.“ Auf Fehmarn hätten sie dann einen Fahrradladen gestürmt, weil weitere Drahtesel größere Ausfallerscheinungen aufgewiesen hätten. „Es war anstrengend, aber auch sehr lustig“, erinnert sich die Gruppe an ihre Jungfernfahrt.

„Wir machen weiter“, beschlossen die Männer einmütig und setzten sich als neues Ziel, gemeinsam Deutschland mit dem Fahrrad zu umrunden. Im Jahr 2000 ging die gemeinsame Herrenradtour von Travemünde nach Stralsund. Im Zwei-Jahres-Rhythmus setzte die Gruppe ihre Erlebnisfahrten fort, erstrampelte sich unter anderem die Strecken von Rambin nach Zinnowitz, von Neustrelitz nach Lübben, von Zwickau nach Regensburg, von Aachen nach Leer. „2008 haben wir dann festgestellt, dass wir immer ein Jahr Pause eingelegt haben, und wenn es in diesem Rhythmus weitergegangen wäre, hätten wir aus Altersgründen die Tour nicht mehr beenden können. Wir entschieden uns, von nun an jährlich die Radlertour zu starten“, erläutert Wilfried Kerl.

Bei jeder Fahrt oblag es Udo Schnoor, Route und Unterkünfte im Vorfeld auszuarbeiten: „Das hat immer bestens geklappt“, lobt die Gruppe ihren „Präsidenten.“ Dabei sei es aus der Ferne manchmal gar nicht so einfach gewesen, berichtet Udo Schnoor in der Rückschau. „Einmal fuhren wir auf eine richtige Bruchbude zu und rechneten mit dem Schlimmsten. Unsere richtige Unterkunft lag allerdings genau dahinter und war einfach prächtig.“

Bei so vielen gemeinsamen Fahrradkilometern erinnern sich die Herren an manches Ereignis. Hanspeter Saffran muss zum Beispiel noch immer lachen, wenn er an die erste Tour von Wilfried Kerl denkt: „Er hatte ein ganz neues Fahrrad, gerade zwei Wochen alt. Wir waren in Polen. Plötzlich hörte ich einen lauten Knall: Sein Fahrradreifen war einfach geplatzt.“ Saffrans eigenes Fahrrad begleitet ihn übrigens schon seit Anfang an und hat ihn auch auf der letzten Etappe von Leck nach Rendsburg und zurück getragen. „Ich habe meinem Fahrrad versprochen, das es bis zum Schluss dabeisein darf. Es hat mir immer gute Dienste geleistet.“

Wilfried Kerl ist besonders die Fahrt im Fußball-WM-Jahr 2006 im Gedächtnis geblieben: „Da waren wir in Görlitz im Stadtpark zum Public Viewing, um uns herum 3000, 4000 Menschen.“ Einzig ein Tisch mit genau sechs Plätzen sei freigewesen, darauf ein ,Reserviert‘-Schild. „Der ist für uns, haben wir gesagt – wenn diejenigen gekommen wären, die reserviert hatten, wären wir sofort aufgestanden. Aber es kam keiner.“

Später sei es in unmittelbarer Nähe zu Hooligan-Ausschreitungen gekommen, die die Gruppe aus Leck bis auf eine Bierdusche unbeschadet überstanden habe. Ihre Meinung dazu durften die Radler dann sogar offen kundtun – in eine Fernsehkamera des MDR.

„Anfangs sind wir auch mal mehr als 100 Kilometer am Tag gefahren, aber auch heute schaffen wir noch 70“, berichteten die Herren stolz – und das, obwohl einige Mitglieder inzwischen schon Herz- und Knie-Operationen überstanden haben. „Der Spaß und das Gemeinschaftsgefühl sind einfach unschlagbar. Und wir wollen wahrscheinlich auch im nächsten Jahr wieder gemeinsam auf Fahrradtour gehen.“

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