Bundeswehr : „Püppchen haben es eher schwer“

Die Krawatte sitzt noch nicht richtig: Ausbilder Mariusz  Nawratzki rückt vor dem Gelöbnis den Krawattenknoten gerade.
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Die Krawatte sitzt noch nicht richtig: Ausbilder Mariusz Nawratzki rückt vor dem Gelöbnis den Krawattenknoten gerade.

Erstmals seit fünf Jahren absolvieren Rekruten im „anerkannten Einöd-Standort“ Stadum wieder die allgemeine Grundausbildung. Der Bundeswehr-Alltag bedeutet für viele dienende Frauen und Männer eine Umstellung.

shz.de von
28. November 2013, 05:30 Uhr

Seine Hemden exakt auf Din-A4-Format falten: Das war für Nils Graf vor zwei Monaten noch sehr ungewöhnlich. Jetzt ist das für den 19-Jährigen Alltag, genauso wie viele andere Dinge, die ein Rekrut in den ersten Monaten lernt. Erstmals seit fünf Jahren gibt es in Stadum wieder eine allgemeine Grundausbildung. 31 junge Menschen sind seit dem 1. Oktober in der General-Thomsen-Kaserne und gehören zum Bataillon Elektronische Kampfführung 911.

„An den rauen Kasernenton musste ich mich erst einmal gewöhnen. Genauso wie an die Disziplin. Und an das frühe Aufstehen“, berichtet Nils Graf, der zugibt, zuvor zuweilen auch bis mittags geschlafen zu haben. Das ist als Rekrut anders. Um 5.30 Uhr wird geweckt, dann heißt es: Trainingszeug an, im Flur antreten und Sport machen, Liegestützen, Kniebeugen, Situps. Dass die Allgemeine Grundausbildung jedoch viel mehr bedeutet als Hemdenfalten und Frühsport, haben Besucher jüngst erfahren: Bevor die Rekruten ihr feierliches Gelöbnis ablegen und vereidigt werden, dürfen Eltern, Geschwister und Freunde einen Blick hinter die Kasernen-Kulissen werfen.

Draußen spricht die Station „Leben im Feld“ für sich: Soldaten sitzen am Lagerfeuer, dahinter sind Biwak-Zelte aufgebaut, die rund 15 Kilo schwere Ausrüstung aus einem Rucksack liegt ausgebreitet auf einer Decke. Bettina Lütge-Scheppan schaut sich mit ihrem Sohn Marcel alles an, die gesamte Familie ist aus dem 250 Kilometer entfernten Rothenburg ob der Wümme angereist. Rekrut Marcel herzt seinen neun Monate alten Bruder, der seinen Unmut darüber hinauskräht, dass es so kalt geworden ist.

Drinnen ist es wärmer: Bei Kaffee und Kuchen plaudern die Rekruten mit ihren Angehörigen, während eine Dia-Show Einsatzübungen im freien Feld zeigt. Auf den Bildern sind die Gesichter der Rekruten mit grüner und schwarzer Farbe getarnt, so gut, dass manche Mutter den eigenen Sohn nicht mehr erkennt.

Auch Waffen können sich die Angehörigen anschauen, sowohl im Schießsimulator als auch in natura, natürlich auseinandergebaut und ohne Magazin. „Hatten Sie am Anfang Probleme damit, mit Waffen umzugehen? Das hatte ich nämlich“, gibt Oberleutnant Melanie Weiß (kleines Foto) zu. Die angesprochenen Rekruten verneinen. 27 junge Männer erfahren in Stadum noch bis Ende Dezember die allgemeine Grundausbildung – und drei Frauen. Haben die es schwerer bei der Bundeswehr? Es gebe sie noch vereinzelt, die Vorurteile von männlichen, meist älteren Kollegen, dass Frauen nichts bei der Bundeswehr zu suchen hätten, berichtet Melanie Weiß. „Da muss man als Frau die Zähne zusammenbeißen und durch Leistung überzeugen. Denn: Frauen machen ihre eventuellen körperlichen Defizite durch andere Talente wett, zum Beispiel Sprachbegabung. Und Studien belegen: Frauen sind im Einsatz oft sogar belastbarer als Männer“, sagt die 31-Jährige, die alleinerziehende Mutter eines Sohnes ist. Soldatinnen, die eher der Kathegorie „Püppchen“ angehörten, hätten es allerdings auf Dauer schwer, schätzt Melanie Weiß ein.

Dazu gehören die neuen weiblichen Rekruten offenkundig nicht: Die Verantwortlichen loben ausdrücklich die hohe Motivation aller Neulinge. Die stehen gerade vor dem Gebäude in Reih und Glied zur „Anzugskontrolle“ parat. Zugführer Tobias Eigen und Ausbilder Mariusz Nawratzki schreiten durch die Reihen und kontrollieren, ob vor der Fahrt nach Heide zum feierlichen Gelöbnis alles seine Ordnung hat, kontrollieren Krawattenknoten, Koppelschnallen – und ob die Schuhe gut geputzt sind. Nicht alle Rekruten bestehen den Test, einige müssen in die Kaserne eilen und nachbessern. Der Vorgesetzte geht mit, brüllt plötzlich so laut, dass auch die verdutzten Angehörigen draußen einen Eindruck vom Kasernenton bekommen. „Man darf nicht vergessen: Die Rekruten sind freiwillig hier, die allgemeine Wehrpflicht gibt es nicht mehr“, sagt Ausbilder Nawratzki.

Ende Dezember werden die meisten Rekruten nach der Grundausbildung den Standort Stadum verlassen. Marcel Scheppan allerdings wird bleiben und weiter im Mannschaftsdienst ausgebildet. Übrigens: Stadum gilt als „anerkannter Einöd-Standort“. Deshalb steht den Soldaten ein Fitnessraum zur Verfügung, außerdem bekommen sie 50 Prozent der Ausgaben für Freizeitaktivitäten erstattet.


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