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Hof in Fresenhagen : Pläne für Rio-Reiser-Haus: „Hornissennest bleibt“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Der Hof von Rio Reiser gehört jetzt einem Ehepaar. Von der Geschichte ihres neuen Hauses hatten die beiden keinen Schimmer.

shz.de von
erstellt am 18.Okt.2014 | 12:00 Uhr

Niebüll | Der große Zeiger der Uhr im Saal Nr. 2 des Niebüller Amtsgerichts rückt auf 10 Uhr. „Zum Ersten, zum Zweiten und  zum Dritten“, ruft Rechtspflegerin Anja Cornils. „Will niemand mehr bieten?“ Aus dem mit 14 Besuchern besetzten Zuhörerrang  kommt keine Reaktion. Es bleibt bei dem einzigen Gebot, und auch die Nochbesitzerin signalisiert, mit der Offerte zufrieden zu sein. Nach einer halben Stunde Wartezeit ist der Kauf somit perfekt, die Versteigerung beendet.

Für 180.000 Euro (Verkehrswert: 299.000 Euro) wechselt der Hof in Fresenhagen, in dem einst  der „König von Deutschland“, Sänger Rio Reiser lebte, seinen Besitzer. Käuferin ist die Unternehmerin Beate Giesers-Kaufmann aus Niederkrüchten bei Mönchengladbach. Vertreten wird sie bei dem Termin von ihrem Ehemann, dem Helgoländer Pay Henry Kaufmann (47). „Sie sind jetzt Eigentümer mit allen Rechten und Pflichten“, sagt Rechtspflegerin Anja Cornils in seine Richtung. Es war der zweite Versteigerungstermin. Ein erster Versuch, für das Gebäude Fresenhagen einen Käufer zu finden, war im April gescheitert: Damals wurde kein Gebot abgegeben.

Ein bisschen erstaunt ist der ruhig  wirkende Pay Henry Kaufmann über das Interesse der Medien an der Versteigerung. Nein, gewusst hat er nicht, dass er und seine Frau soeben das ehemalige Domizil von Rio Reiser gekauft haben, der einst sogar seine letzte Ruhestätte im Garten des Anwesens hatte. Aber das Lied „König von Deutschland“ kennt er.  „Wir sind über das Internet auf das Haus aufmerksam geworden. Die Gegend und das Haus sind sehr schön.“ Bei einem ersten Besichtigungs-Rundgang sei ihm ein Hornissennest unter dem Reetdach aufgefallen. Das möchte er um jeden Preis erhalten. „Sie bekämpfen allerlei Schädlinge. Es sind nützliche Tiere. Das interessiert mich sehr.“ 

Genaue Pläne, was mit dem Haus geschehen soll, gäbe es noch nicht, sagt Pay Henry Kaufmann. „Wir wollen es in jedem Fall instand setzen.“ Um es wieder herzurichten, muss einiges  passieren. „Wir werden viel reinstecken müssen, um es zu erhalten. Die Differenz zwischen Kaufpreis und Verkehrswert wird es wohl werden.“ Für möglich hält  Kaufmann, dass er und seine Frau das Haus künftig als Ferienwohnung nutzen.

In den Mauern bleiben  wird in jedem Fall ein Mythos: Rio Reiser wurde am 9. Januar 1950 als Ralph Christian Möbius in West-Berlin geboren. In den 70er Jahren zog er sich mit seiner Band „Ton, Steine, Scherben“ nach Nordfriesland in das von Manager Nikel Pallat 1975 erworbene Anwesen zurück. In den 80er Jahren startete Rio Reiser eine Solokarriere, blieb insbesondere durch die Songs „König von Deutschland“ und „Junimond“ einem Millionenpublikum in Erinnerung. Am 20. August 1996 starb er im Alter von 46 Jahren in Fresenhagen. Die damalige Kieler Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) setzte sich dafür ein, dass der Künstler auf dem Fresenhagener Grundstück beigesetzt werden konnte.  Die  laufenden Kosten für den Erhalt des Anwesens (etwa 70000 Euro jährlich) veranlassten die Familie, den Besitz im Jahre 2011  zu verkaufen.  Der Leichnam  von Rio Reiser wurde nach Berlin umgebettet. Zuletzt war  in Fresenhagen eine Jugendhilfeeinrichtung untergebracht.  Nun kam es  zur Zwangsversteigerung. Mit der   letzten Nutzerin des Hauses  will  Pay Henry Kaufmann sich in den kommenden Tagen über den Wechsel besprechen und einigen.

„Es ist für mich unfassbar, dass das Haus jemand gekauft hat, der Rio Reiser nicht kannte“,  erklärt Eike Lorenzen (31)  aus Bremen  im Gerichtsflur gegenüber unserer Zeitung. Der Rio Reiser-Fan hat den Besuch bei seinen Eltern in Handewitt genutzt, um den Versteigerungstermin im Amtsgericht  mit seiner Familie zu verfolgen. „Ein paar Freunde und ich hatten  kurz überlegt, ob man das Haus nicht gemeinsam kaufen und nutzen könnte – als ein Treffpunkt für die Kultur- und Musikszene. Aber es war nur eine Idee,  sie scheiterte schon in den Anfängen“, sagt er lachend. Dennoch: Rio Reiser hätte es  vermutlich gefallen.

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