Opfer erhalten häufig "lebenslänglich"

Für  mehr Zivilcourage: (v. l.) Hanna Sattler, Uwe Hems, Hermfried Sattler, Hans Jakob Paulsen und Rolf Johannsen.  Foto: stb
Für mehr Zivilcourage: (v. l.) Hanna Sattler, Uwe Hems, Hermfried Sattler, Hans Jakob Paulsen und Rolf Johannsen. Foto: stb

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22. März 2011, 08:06 Uhr

Nordfriesland | "Es passiert selbst einem alten Hasen wie mir, dass ich mal nächtelang nicht schlafen kann", gibt Rolf Johannsen zu und denkt dabei an das Erlebte. Der frühere Kriminalbeamte ist Leiter der Außenstelle Nordfriesland-Nord des "Weissen Ringes" und kümmert sich zusammen mit derzeit sieben Mitarbeitern um Verbrechensopfer - ehrenamtlich und kostenlos. Das Team leistet nach der Tat menschlichen Beistand, persönliche Betreuung, vermittelt und unterstützt in alle Fragen. Die Initiative, sich an den gemeinnützigen Verein zu wenden, muss allerdings von den Opfern selbst kommen.

Der heutige 22. März, der Tag der Kriminalitätsopfer, ist ein Anlass für den 1976 gegründeten "Weissen Ring", an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn immer noch gibt es viele Menschen, die sich - häufig aus Angst und Scham - scheuen, die helfenden Hände anzunehmen, macht Rolf Johannsen klar. Arbeit gibt es für die Ehrenamtler leider genug. 91 Neufälle waren es im vergangenen Jahr in Nordfriesland, darunter 25 Sexualdelikte, zehn Fälle von Raub, elf von Körperverletzung, sieben Diebstähle, vier Stalking-Fälle und zwei Bedrohungen. In Vergessenheit gerät häufig, dass hinter nüchternen Zahlen menschliche Schicksale stehen. Jeder kann Opfer eines Verbrechens werden. Doch während die Täter - sofern sie überführt werden - eine zeitlich begrenzte Strafe erwartet, bleiben die Gepeinigten mit den Folgen sich selbst überlassen - manchmal lebenslänglich. Unschuldig in Not Geratenen fällt es häufig schwer, aufgrund ihrer körperlichen und seelischen Qualen in den Alltag zurückzufinden. Die Folgen sind ein sozialer Abstieg, gekennzeichnet durch häusliche Probleme, gar den Verlust des Arbeitsplatzes.

Die psychischen Auswirkungen bei den Opfern müssen unmittelbar nach der Tat behandelt werden. "Aber was nützt es uns, wenn wir ihnen einen Scheck für eine psychotraumatische Behandlung ausstellen, es uns aber an Psychologen fehlt", kritisiert Rolf Johannsen. Daher macht sich der "Weisse Ring" für die flächendeckende Versorgung mit Trauma-Ambulanzen stark. Nur so könne man Schlimmeres für das Opfer und hohe Folgekosten für die Krankenkassen verhindern.

1994 wurde Hermfried Sattler in Wesselburen (Dithmarschen) Opfer eines Überfalls. Damals gingen Täter mit einem Baseball und einer Spitzhacke auf ihn los, verletzten den Mann am Kopf. Im vergangenen Jahr eilte der heute in Bredstedt lebende 68-Jährige, obwohl damals gerade frisch operiert, gemeinsam mit seiner Ehefrau Hanna einem 13-Jährigen, der von einem 30-Jährigen verprügelt wurde, zur Hilfe - und wurde wieder verletzt. Bei der Verarbeitung des Erlebten half ihm nicht nur seine Frau, sondern auch der "Weisse Ring". "Für mich ist das seelischer Balsam", gesteht Hermfried Sattler.

Stellvertretend ehrte Rolf Johannsen die Sattlers für ihre bewiesene Courage mit einer Urkunde der Bundesvorsitzenden, einer Uhr sowie einem vom Bredstedter Restaurant Ulmenhof gestifteten Gutschein. Für die Kommune dankten Hans Jakob Paulsen, Vorsteher des Amtes Mittleres Nordfriesland, und Bredstedts Bürgermeister Uwe Hems dem Ehepaar. Entsetzt zeigte sich Paulsen über die in Nordfriesland registrierte hohe Gewaltbereitschaft - nicht nur unter Erwachsenen und Jugendlichen - sondern auch bei Kindern. Besorgnis erregend sei der Anstieg bei Sexualdelikten. Uwe Hems, pensionierter Polizeibeamter, dankte den Sattlers für ihr beherztes Eingreifen, mahnte aber auch, immer an den Eigenschutz zu denken, abzuwägen und gegebenenfalls Hilfe herbeizurufen.

17 Anlaufstellen hat der "Weisse Ring" in Schleswig-Holstein, zwei davon in Nordfriesland. Für Nordfriesland Süd wird seit zwei Jahren ein Leiter gesucht. Wer ehrenamtlich mitarbeiten möchte, sollte einen gewissen Erfahrungsschatz mitbringen. Einen großen Teil des Wirkens nehmen Vorbeugung und Aufklärung ein. Flexibilität und psychische Belastbarkeit sind für Einsätze bei Opfern wichtig. Denn nicht jeder Helfer wird mit dem Erlebten fertig. "Es gab Mitarbeiter, die sich irgendwann eingestehen mussten ,Ich kann nicht mehr, es macht mich krank", weiß Rolf Johannsen aus seiner langjährigen Erfahrung. Eine gute Ausbildung und das Anleiten durch langjährige Kollegen dienen als Rüstzeug. Einmal im Monat verarbeiten die Helfer bei einem Mitarbeitertreffen das Erlebte. Rolf Johannsen: "Wir geben nur Hilfe zur Selbsthilfe. Die Opfer müssen lernen, irgendwann wieder alleine zurechtzukommen."

Kontakt für Opfer und Helfer: Rolf Johannsen, Telefon 04661/902830, E-Mail joh-weisserring@versanet.de, Homepage: www.weisser-ring.de, bundesweite Rufnummer (kostenlos) 116006.

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