Erinnerungskultur : Neue Impulse für die Gedenkstätte

Ministerin Anke Spoorendonk
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Ministerin Anke Spoorendonk

Der neue Leiter der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund wurde am Sonntag in sein Amt eingeführt

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30. Juni 2014, 05:00 Uhr

Mit einem Gottesdienst in der Ladelunder St. Petri-Kirche und einem Empfang im Dokumentenhaus der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund wurde Raimo Alsen am vergangenen Sonntag offiziell in sein Amt als neuer Leiter dieser Einrichtung eingeführt, nachdem er diesen Posten schon fünf Monate kommissarisch wahrgenommen hatte. Als Gestalter der kirchlichen Feierstunde hieß Propst Dr. Kai-Ulrich Bronk die zahlreichen Teilnehmer willkommen, die aus verschiedensten Teilen des Landes Schleswig-Holstein, zum Teil sogar auch aus der niederländischen Stadt Putten angereist waren, mit deren Geschichte Ladelund schicksalhaft verbunden ist. Denn 117 ihrer Einwohner kamen 1944 im Außenlager Ladelund des Konzentrationslagers Neuengamme ums Leben und wurden durch Pastor Johannes Meyer beerdigt und namentlich festgehalten.

Wie Propst Bronck in seiner Predigt hervorhob bestand dessen verdienstvollster Beitrag zur viel gerühmten Versöhnungsarbeit darin, dass er die Namen der Toten aufgelistet und ihren Familien in Putten zugestellt hatte, wodurch er den Verstorbenen ihre Identität und ihr Gesicht wiedergegeben hatte. Der letzte KZ-Überlebende, Jannes Priem, habe wiederholt geäußert, dass die Tatsache, im Lager nur als Nummer geführt zu werden, in seelisch am schwersten belastet habe. In der Person des Raimo Alsen habe der Kirchenkreis Nordfriesland einen fähigen und engagierten Mitarbeiter gefunden. Die Erteilung des Segens für sein Amt vollzogen sodann im Altarraum Propst Dr. Bronk, Raimo Alsens Amtsvorgänger Dr. Stephan Linck und der stellvertretende Vorsitzende des Kirchenkreises, Hans-Joachim Ihloff (Leck). Letzterer moderierte auch den anschließenden Empfang, wobei er den vielen Grußworten das von Katharina Schäfer verfasste Gedicht „Die Toten in meiner Brust“ voranstellte. Wie er sodann ausführte, halte er es für ein Wunder, dass die Nachfahren der Toten aus den Niederlanden es auf der Basis des christlichen Glaubens geschafft haben, den Ladelundern die versöhnende Hand zu reichen.

Aktuell beginne eine neue Ära der Gedenkstättenarbeit. Deren Themen heute lauten: „Adressatenbezogene und multisensorische Gedenkstättenpädagogik, multiperspektivischer Zugang und differerenzierter Gegenwartsbezug sowie Persönlichkeits- und Demokratiebildung.“ Die personelle Neuaufstellung habe man nunmehr – vorerst abschließend – vorgenommen. „Deshalb freue ich mich mit allen Beteiligten auf eine kreative und zukunftsfähige Weiterentwicklung unserer Gedenkstättenarbeit unter der Leitung von Raimo Alsen,“ so Hans-Jochen Ihloff. Das erste Grußwort sprach Anke Spoorendonk, die schleswig-holsteinische Ministerin für Justiz, Kultur und Europa. In der Erinnerungsarbeit werde in den letzten Jahren viel über den Generationswechsel gesprochen. Damit sei zweierlei gemeint: „Zum einen wird sich das Publikum in den Gedenkstätten und an den Lernorten verändern. Zum andern ist ein Wandel sowohl bei den ehrenamtlichen als auch den hauptamtlichen Strukturen nicht zu übersehen. Denn an die Stelle der altgedienten, erfahrenen Streiter der ersten Stunde treten nun junge Leute mit neuen Ansätzen, Einsichten und Ideen.“ Zu ihnen zähle auch Raimo. „Ihnen, Herr Alsen, gratuliere ich zu Ihrer neuen, wichtigen und ausfüllenden Aufgabe,“ so Anke Spoorendonk, „zugleich aber auch uns, dem Freundeskreis der Gedenkstätte, der Kirche und dem Land, dass wir das Glück hatten, Sie zu finden und mit ihnen einen besonders engagierten Lehrer und fähigen Leiter der ältesten Gedenkstätte ihrer Art.“ Die Tatsache, dass diese nicht nur eine Gedenk- sondern auch eine Begegnungsstätte darstellt, mache sie zu etwas ganz Besonderem.“ Durch Raimo Alsen werde die Verbindung zwischen Schule und der Gedenkstätte als außerschulischem Lernort gestärkt. „Ich hoffe,“ so die Ministerin, „dass Sie, Herr Alsen, neuen Wind mitbringen und die ohnehin schon begonnenen Prozesse von Professionalisierung und Modernisierung mitgestalten werden.“ Als stellvertretende Kreispräsidentin des Kreises Nordfriesland sprach Margarethe Ehler die in Ladelund schon sieben Jahrzehnte umfassende Tradition an, des Leidens und Sterbens in den Konzentrationslagern und der Gräuel der Nationalsozialisten zu gedenken. Dabei sei das Bewusstsein für die eigene Geschichte nicht rückwärts gerichtet. „Wenn man geschichtsvergessen lebt, lebt man ohne Orientierung,“ zitierte Ehler die langjährige Gedenkstättenleiterin Karin Penno-Burmeister. „Sie selbst, Herr Alsen, übernehmen die Leitung der Gedenkstätte in einer Zeit des Umbruches, denn die Einrichtung soll umfassend umgestaltet werden, unter anderem durch moderne Medien den Interessen junger Besucher besser angepasst werden.“ Alle weiteren Grußworte wiesen einen ähnlichen Tenor auf, zum Beispiel das des Hanno Billerbeck (Neuengamme), der Bischöfin i.R. Maria Jensen, die im Auftrage des Freundeskreises der Gedenkstätte Husum-Schwesing sprach, das des Holger Karde als Rektor der Gemeinschaftsschule Leeck sowie die Ausführungen vieler weiterer Gratulanten zur erfolgten Einführung des Geschichts- und Englischlehrers Raimo Alsen als Leiter der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte. -

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