Musik und Weltbild zu Zeiten Luthers

Finn, Tade und Tom waren beim Projekt Lutherfilm dabei. Fotos: dieter wrege (4)
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Finn, Tade und Tom waren beim Projekt Lutherfilm dabei. Fotos: dieter wrege (4)

Mit 58 Projekten gingen die Schüler der Friedrich-Paulsen-Schule eine Woche lang dem Leben und Wirken des Reformators auf den Grund

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05. März 2017, 17:33 Uhr

Am 31. Oktober dieses Jahres wird es 500 Jahre her sein, dass der Augustinnermönch Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche nagelte. Mit seinen Thesen prangerte er den so genannten Ablasshandel an, bei dem man sich gegen Geld von seinen Sünden freikaufen konnte. Der Thesenanschlag war Auftakt zur Reformation – und für die Menschen dieser Zeit ein Ereignis, das ihre mittelalterliche Welt buchstäblich aus den Angeln hob. Der 31. Oktober wird seit „Olims Zeiten“ als Reformationstag gefeiert und das Jahr 2017 als Jubiläumsjahr. Aus den Fugen oder Angeln wird das Jubiläumsjahr zweifelsohne nicht geraten. Aber es wird jener bewegten Zeit gedacht. Auch an der Friedrich-Paulsen-Schule.

Oberstudiendirektor Eckhard Kruse kam auf den Gedanken einer Luther-Projektwoche und fand in seinem Kollegium insoweit Anklang, als sich die Gelegenheit bot, eine die Welt mannigfaltig verändernde Epoche einmal anders lebendiger werden zu lassen als mit „frontalem Unterricht“. Bei den Schülern stieß der Schulleiter zunächst auf kritische Distanz. Doch als die über 1000 Gymnasiasten sich dem Thema eingehend widmeten, entwickelte die „ProWo“ eine Dynamik, die Anerkennung verdient. Kreativ, pfiffig, ideenreich und bisweilen genial machten sich die jungen Gymnasiasten auf ihre Art „auf die Puschen“, den Weg zu den Wurzeln Christi zurück zu verfolgen und auch zurück zum Evangelium. Sie verfolgten den Weg des Martin Luther von einem schicksalhaften Unwetter bis ins Kloster, wo er schnell Karriere machte und später zu einer denkwürdigen Reise nach Rom aufbrach, wo er eine verdorbene Kirche erlebte, in der der Dominikaner Johann Tetzel als Ablassprediger in seinen Augen zum Feindbild mutierte.

Die weiteren Schritte des nun aufmüpfigen Martinus Luther sind durch die Geschichte bekannt. Die Folgen seines Protestes gegen die Zustände auch. Er machte sich auf die Barrikaden, so dass Bares gegen das Fegefeuer bald kaum noch gezahlt wurde. Auch das Geschäft mit der Angst versiegte. Mit der Reformation bahnte sich bald eine Rückkehr zum Auftrag der Kirche an. Schüler und Schülerinnen stellten szenisch beispielhaft nach, worum es ging.

Doch sie interessierte weitaus mehr aus dieser Zeit. Sie machten sich auf die Suche, um herauszufinden, wie die Menschen zu dieser Zeit lebten, was sie aßen, was für ein Weltbild sie vor sich hatten, wie es um die Musik bestellt war, um die Kunst und auch um den Begriff der Freiheit. Die Feinarbeit, mit der die FPS in der „ProWo“ an diese Epoche heranging, wurde nicht zuletzt in der Vielfalt der 58 Projekte deutlich. „In seiner Gesamtheit ist der Blick 500 Jahre zurück geeignet, um das Verständnis für die Gegenwart zu beflügeln“, sagte Schulleiter Kruse bei der Präsentation der Ergebnis dieser bewegten Projektwoche.

Nach fünf Tagen intensiver Projektarbeit mündete die Woche in ein öffentliches Finale, zu dem jedermann in der Mensa willkommen war. Es gab einen Gemeindegesang mit Chorälen von Bach, Luther und Claudius, einen szenisch erläuterten Martin Luther und dessen Disput mit Erasmus von Rotterdam und zum Abschluss Trickfilmszenen mit legendären, spannenden und lustigen Episoden aus Luthers Leben. Um das Ganze (wie in einer Schule üblich) zu benoten: die Klassenarbeiten über einen Menschen, der die Welt veränderte, verdienen eine Bestnote.

Im letzten Projekt auf der von Christoph Buchberger zusammengestellten digitalen Liste taucht auch ein Name auf, der weltweit nicht nur von Katholiken verehrt wird. Von Papst Franziskus werden Impulse für die Ökumene erwartet. Er ist zwar nicht einer wie Martin Luther, ihm aber in einigen seiner Vorstellungen ähnlich. Mit einem Seitenblick auf die christliche Alternative zur Reformation demonstrierte die FPS auch Toleranz und Weltoffenheit.

So ein Unternehmen wie die Projektwoche an der FPS verdient Aufmerksamkeit. Es ist nicht so ganz ohne, 1000 Schüler und Schülerinnen für ein Thema zu begeistern, das im Unterrichtsalltag in der Fülle des Stoffes eines von vielen ist. Die Jubiläumszahl 500 schuf jedoch eine Platzierung. Die 80 Lehrer – unter ihnen pensionierte Kollegen – verstanden es, ihre Schüler zu interessieren, als es darum ging, eine Zeit zu rekonstruieren, in der sich ein mutiger Christ auf den Weg machte, die in Schieflage geratene Welt in etlichen Belangen wieder gerade zu rücken.

Pfiffige Pädagogen und gelehrige Schüler machten sich in der „ProWo“ an die Arbeit und brachten eine Fülle erstaunlicher Ergebnisse zustande. Doch das „Unternehmen Luther“ wollte auch organisieret sein. Kollegiumsmitglied Inken Geertz fiel diese Aufgabe zu. Sie scharte ein siebenköpfiges Team um sich, sammelte Ideen und zeichnete einen Weg durch die Woche vor. Kollege Marc Matthiesen verhinderte mit IT-Hilfe eine womöglich heillose Zettelwirtschaft, ordnete Themen, stellte die Projekte und deren Akteure zusammen. Unterm Strich kam eine Woche zusammen, in der still und zielstrebig und ohne die an einer Schule üblichen Nebengeräusche gearbeitet wurde. Und es kam schließlich eine Woche heraus, an die man in der FPS noch lange zurück denken wird, ging es doch auch um eine Lichtgestalt der Kirchengeschichte und Antworten auf die Frage, wie die Menschen das lebten, was ihnen einer wie Martin Luther vorlebte.

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