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Musikalische "Spätförderung" : Musik ohne Altersgrenzen

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Karen Ingwersen besucht auch Heime: Dann stehen Sitztänze, Singen und Musizieren auf dem Programm

shz.de von
erstellt am 04.Mai.2013 | 07:38 Uhr

Nordfriesland | "Hat das in meinem Alter denn überhaupt noch Sinn?" Diese Frage bekommt Karen Ingwersen häufiger zu hören. Die Antwort der Musiklehrerin ist immer dieselbe und wohltuend kurz: "Aber ja!!!!" Und sie weiß auch warum: Weil Musik keine Frage des Alters ist, sondern eine universelle Sprache, die Menschen da berührt, wo sie stehen. Ein bisschen musikalische "Nachhilfe" oder "Spätförderung" kann allerdings nicht schaden. Auch wenn es mal nicht um Leistung, sondern "um den Menschen und seine Lebenserfahrung geht", wie sie sagt.

Der demografische Wandel hat schon vieles verändert. Jetzt verändert er die Kreismusikschule (KMS). Seit ein paar Monaten wird dort, gleichsam als Gegenstück zur musikalischen Frühförderung, Musikgeragogik angeboten. Ziel ist es, musikalisches Erleben im Alter zu ermöglichen und zu fördern - "in welcher Form auch immer", erläutert Ingwersen, die dafür eigens eine Zusatzausbildung absolviert hat.

Die "Erfinder" der Geragogik und Gründer der Deutschen Gesellschaft für Musikgeragogik, die Professoren Theo Hartogh und Hans Hermann Wickel, haben das Thema an der Hochschule Vechta und der Fachhochschule Münster zu einer eigenen Forschungsdisziplin mit entsprechenden Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten entwickelt. Und weil die Kreismusikschule erkannt hat, welches Potenzial die Geragogik bietet, hat die Kreismusikschule auch die Kosten für Ingwersens Zusatzqualifikation übernommen. Eine Investition in die Zukunft, wie Zahlen belegen: Derzeit ist etwa ein Viertel der Deutschen über 60 Jahre alt, 2025 wird es ein Drittel sein.

Aber wie erreicht man alte Menschen, wie kann der (musikalische) Dialog eingefädelt werden? Auch in diesem Punkt geht die KMS neue Wege. "Nicht, dass wir im Schloss keine Kurse machen wollen", sagt deren Leiter Henning Bock, aber es geht eben auch anders - zumal Musikgeragogik nicht nur in Husum, sondern im gesamten Kreisgebiet angeboten werden soll. So besucht Ingwersen zum Beispiel regelmäßig alte Menschen in einem Behinderten-Wohnheim. "Ferner haben wir Kontakte zu einer Senioreneinrichtung und einer Klinik aufgenommen", sagt Bock.

Dass individuelle Erfahrungen beim Musizieren mit alten Menschen eine noch größere Rolle spielt als bei jungen Leuten, liegt nahe und ist nicht nur dem Umstand gezollt, dass sich zum Beispiel die Auswahl der Instrumente nach den körperlichen Gegebenheiten der Teilnehmer richtet. Auch der persönliche Lebensweg ist für Ingwersens Arbeit von zentraler Bedeutung. Deshalb legt sie auch nicht gleich los, sondern sucht zunächst einmal das Gespräch, versucht herauszufinden, was für den Einzelnen oder die Gruppe das Beste ist.

Grundsätzlich ist alles möglich: vom gemeinsamen Singen über Sitztänze und Bewegungslieder bis hin zum Musizieren auf Orffschen und anderen einfachen Instrumenten. "Und auch, wenn man nur passiv dabei sein möchte, ist das völlig in Ordnung", sagt die Musikpädagogin. Im Mittelpunkt stehe die Erfahrung mit Musik und manchmal auch die Entdeckung der eigenen Musikalität. "Musik ist eine Welt, die nicht erklärt werden muss. Wer bei uns mitmacht, muss nichts wissen oder können. Man kann hier nichts falsch machen."

Aber vieles richtig, wie Studien belegen: Musik macht Spaß, belebt, aktiviert, weckt Erinnerungen, fordert heraus, trainiert und fördert Selbstwahrnehmung und Kommunikation, bedeutet Lernen und Bildung bis ins hohe Alter. "Und Alter ist ja schließlich keine Krankheit, die man behandeln muss", betont die Fachfrau.Kontakt: Telefon 04841/8973123

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