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Uwe Sönnichsen : Mr. Sturmflut gönnt sich keine Pause

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Uwe Sönnichsen hat ein aufregendes Leben geführt / In einem Interview mit unserem Mitarbeiter Arndt Prenzel berichtet er über seine Pläne

shz.de von
erstellt am 04.Jun.2015 | 05:00 Uhr

Eilig saust Uwe Sönnichsen in seinem Rollstuhl durch die Wohnung in der Niebüller Südergath. Der Schreibtisch ist wie immer voll, dort liegen die Würdigungen, die er gerade auf Sylt erhalten hat. „Mr. Sturmflut“, wie er auf der Insel genannt wird, ist jetzt auch Syltschützer ehrenhalber. Letzten Dienstag war Schluss, das Ende einer Ära erreicht, wie der Sylter Gemeindevorsteher Peter Schnittgard betonte. Seit 1952 hielt Uwe Sönnichsen – berufsmäßig als Schornsteinfegermeister, Buchautor und Journalist nicht gerade unterbeschäftigt – dort seine Vorträge. Doch auch in Niebüll hat Uwe Sönnichsen immer wieder seine Vorträge halten, im Rathaus oder im Kino.

Uwe Sönnichsen – reif auch für die Rente? So lautete die provokante erste Frage des Nordfriesland Tageblatt an den 87-jährigen Nordfriesen.Uwe Sönnichsen: Nein, keinesfalls. Ich bleibe Vorsitzender des Küstenaussschusses der Sölring Foriining, behalte meine Ehrenämter. Nur die regelmäßige Fahrt nach Sylt haben mir die Ärzte aus gesundheitlichen Gründen untersagt.
 

Mr. Sturmflut bleibt also weiter unter Dampf, so wie man ihn kennt?
Natürlich. Ich sortiere mein Archiv mit rund 25  000 Fotos, reiche meine Vorträge weiter zum beispiel an das Nordfriisk Institut; gebe historische Niebüll-Bilder an den Geschichtsverein, beantworte zahlreiche Zuschriften, mische mich weiterhin ein in Sachen Küstenschutz, Deicherhöhung und Denkmalschutz.

Gab es keinen Nachfolger für die Vorträge?
Leider nein. Potenzielle Kandidaten sind inzwischen gestorben oder zu alt.


Wie sieht es mit den Kindern oder Enkeln aus?
Unter den zehn Enkelkindern im Alter von neun bis 24 Jahren ist leider kein Bewerber; die Interessen sind anders gelagert. Meine Tochter Anke könnte es wohl, aber die lebt leider in Niedersachsen. (An dieser Stelle meldet sich die Gattin Heike zu Wort: „Die Enkel haben den Stress ihres Großvaters miterlebt, sie sehen daher von dieser Aufgabe eher ab. Aber es kann ja noch werden.“)


Wie kam es eigentlich zur Vortragstätigkeit?
Das lag mir wohl im Blut. Ich habe schon als Junge meine Freunde und Nachbarn um mich in der Waschküche in der Alwin-Lensch-Straße versammelt, um zu vertellen. Dort habe ich angefangen, meine frisch geschossenen Fotos zu zeigen und zu berichten, was passiert ist.


Als Niebüllreporter von Kindesbeinen an ...
... war ich ständig unterwegs. Fotografierte die Sturmflut 1936 in Dagebüll, das war praktisch die Initialzündung. Danach hatte ich immer einen Fotoapparat bei meinen Ausflügen dabei. Daraus entstanden meine unterschiedlichen Vorträge. Vom „Friesischen Land“ bis „Trutz blanker Hans“. Zudem drehte ich erste Filme über die Kleinstadt Niebüll, mit Fiete Eck. Leider ist der Film über das Niebüll der 50-er Jahre mit zahlreichen Original-Niebüllern, den ich im Kino kommentierte, verschollen.


Zwei Millionen Menschen habe weltweit Ihre Vorträge verfolgt, in Niebüll sind Sie bekannt wie ein bunter Hund; was kann Sie heute noch aufregen?
Natürlich die Ignoranz der Politiker, wenn es um den Küstenschutz geht. Aber auch der Verfall historischer Gebäude, wie das Küsterhaus an der Niebüller Kirche. Hier melde ich mich weiterhin zu Wort, versuche Einfluss zu nehmen.


Welches Erlebnis hat Sie beim Vortrag besonders beeindruckt?
Das war vor zwei Jahren in List: Eine Dame sagte mir, sie kenne mich gut, sie habe mich bereits 1959 in New York beim Vortrag gehört. Den Diaprojektor bediente übrigens damals Theo Paulsen, der Sohn des Kaufmanns Simon Paulsen.


Erlebnisse ohne Ende, wie war es eigentlich mit Emil Nolde?
Der war sehr freundlich. Aber pünktlich um 12 Uhr musste das Kaminkehren beendet sein. Dann gab es Essen. Ich saß mit am Tisch, wir klönten ungezwungen. Danach hat er mir gelegentlich seine neuen Werke vorgestellt, die Kunst erklärt. Eines Tages bekam ich ein Aquarell geschenkt.


Das heute noch im Wohnzimmer hängt?
Nein, ich habe es verkauft, um mir einen Anzug zu leisten. Ich war nach dem Krieg eingeladen auf dem Presseball in Hamburg. Ein unverzeihlicher Fehler ...


Woher stammt das Kommunikative, das Sie so sehr auszeichnet?
Das muss von meinem Großvater Carsten stammen. Der war Bierkutscher und Spediteur in Niebüll, man nannte ihn Carsten Roll. Später führte er einen Gasthof in Tondern, den Wiedingharder Hof.


Was wünscht man sich, wenn man bald 88 Jahre alt wird?
Neben der Gesundheit vor allem Kraft, weiterhin engagiert zu sein. Als ältestes Mitglied der CDU in Nordfriesland sehe ich mich ebenso gefordert, meinen Mund aufzutun. Flüchtlinge sollten hier herzlich aufgenommen werden. Das war nach dem Krieg mit den Heimatvertriebenen auch so. Inzwischen sind die Menschen hier längst integriert und leisten ihren Beitrag für die Allgemeinheit.

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