Frisia Historica : Mittelalterliches mit Knalleffekten

Bis Sonntag sind an der Wehle Handwerker, Händler, Krieger und Spielleute zu Gast / Premiere und Höhepunkt: das aufwendige Theaterstück

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18. Juli 2015, 05:00 Uhr

Vor dem Zelt knistert ein Feuer, über dem an einem Dreibein ein Topf mit kochendem Wasser hängt. Die ersten Gewandeten sind an der Badewehle eingetroffen, haben ihre Zelte und ihre Marktstände aufgebaut. 25 bis 30 Lager und Heerlager werden es am Ende an diesem idyllischen und zugleich historischen Ort sein. Alleine auf der Marktwiese sind 18 Stände aufgebaut. Seit gestern läuft das 5. „Friesisch-Historische Treyben“. Organisiert hat es der Verein „Frisia Historica“ mit Sitz in Stedesand. Häuptling (sprich Vorsitzender) des „verwegenen und verschworenen Haufens“ ist Stefan Nissen. Die letzten drei Nächte hat der 47-Jährige – von Beruf ist er Sozialpädagoge – schon an der Wehle verbracht, koordiniert gemeinsam mit Vereinsmitglied und „Marktvogt“ Dag-Oliver Martenson (32) aus Bargteheide den Aufbau der Lager. 200 mittelalterlich gewandete Menschen werden bis zum Abschluss am Sonntag (17 Uhr) das Niebüller Wehlengebiet bevölkern und Besucher in die Zeit des Frühmittelalters (800 bis 1000 n. Chr.) zurückversetzen. „Der Obstler“ Markus Seitz aus der Ecke von Bremen ist einer der Händler. Passend gewandet und wortgewandt bringt er Frucht- und Beerenweine an den Mann oder die Frau. Gemeinsam mit seiner Freundin Silke – sie präsentiert auf dem Platz und heute während einer Modenschau (15 Uhr) selbstgeschneiderte Gewänder – macht er zum dritten Mal mit. Er ist hauptberuflicher Weinhändler. Andreas Ingwersen kommt aus Risum-Lindholm und ist mit „Meduzin“ (Likören) auf dem Mittelaltermarkt vertreten. Er hat auch den Thingpfahl auf der improvisierten Bühne selbst geschnitzt. Ein Hobby, denn von Beruf ist er Bäckermeister. Die Auftritte zweier Live-Bands, Feuergaukler, Sänger, Tänzer und Schwertschaukämpfer gehören zum Programm. Besonders gespannt ist Stefan Nissen auf die Mitwirkung eines historischen Schleifischers. „Das war immer ein Traum von mir. Ich bin sehr gespannt und freue mich.“

Höhepunkt zum Jubiläum ist am Sonnabend (19.30 Uhr) und am Sonntag (15 Uhr) das frühmittelalterliche Freiluft-Theaterstück „E ploon foon e saks“ (Der Plan des Sachsen) in Zusammenarbeit mit der Friisk Foriining und unter der Regie von Gary Funk. Gefördert wurde das Spektakel vom Ministerpräsidenten des Landes Schleswig-Holstein über den Frasche Rädj und der Stiftung Nordfriesland. Eine Premiere, an der die Akteure bereits seit einem halben Jahr proben. Kampfszenen, für die als Lehrer und Mitwirkender Michael Tegge zuständig ist. „Wir waren für ein Wochenende auf Sylt und haben das geprobt“, berichtet Stefan Nissen. , Knall- und Lichteffekte gehören natürlich ebenfalls zum Programm. Heute wird noch ein zehn Meter langes Wikingerschiff geliefert, denn in dem Stück geht es um einen Angriff der Nordmannen auf das friesische Dorf. „Es soll alles realistisch aussehen.“

Natürlich geht es auch im Mittelalter nicht ganz ohne Technik. „Wir tragen Headsets, und Boxen sorgen dafür, dass die Zuschauer uns auch vernünftig verstehen können“, sagt Stefan Nissen. Gepresste Ballen aus Reet dienen als Sitzgelegenheiten. „Das Material stammt von einem Reetdachhaus in Risum-Lindholm, das gerade neu gedeckt wird.“ Und damit die Optik auf der improvisierten Bühne an der Wehle auch stimmt, wurde die Kinderschaukel, die hier am Wasser normalerweise steht, durch den Aufbau einer schlichten Kulisse kurzerhand in ein Haus verwandelt.

15 Mitwirkende hat das Stück. „Fünf spielen aus unserem Verein mit.“ Für viele ist es auch eine Premiere als Schauspieler. Stefan Nissen mimt den Dorfschmied der Friesen. „Ich habe Hammerlampenfieber, aber den Text ganz gut drauf. Das wird laufen.“ Für Stefan Nissen ist es nicht der erste Auftritt. „Ich hatte schon einmal eine Rolle, aber damals musste ich nur einen Satz sagen, dann von der Bühne fallen“, erinnert er sich lachend. Dieses Mal ist er etwas mehr gefordert. Sein Vater Peter M. Nissen hat übrigens die Hauptrolle. „Er spielt einen Sachsen.“ Wert legen die Gewandeten von Frisia Historica auf die Vielsprachigkeit. So auch bei dem Stück. Friesisch und plattdeutsch sind zu hören. „Es waren zunächst keine Schauspieler zu bekommen, die auch sonderjysk sprechen können. Aber es hat dann doch noch geklappt.“

Der Eintritt zum 5. „Friesisch-Historischen Treyben“ ist – wie immer – frei. „Erst einmal könnte man so ein riesiges Gelände hier gar nicht einzäunen, und das wollen wir auch nicht“, so Stefan Nissen. „Es macht die Atmosphäre kaputt.“ Und: „Wir wollen, dass uns möglichst viele Gäste jeden Alters besuchen. Wer zu uns kommt, kann hier einen ganzen Tag seinen Spaß haben, ohne auch nur einen einzigen Cent ausgeben zu müssen.“ Neu ist, das die Eröffnungsfeier, verbunden mit einem Dank an die vielen Sponsoren, die das Event finanziell ermöglichen, verlegt wurde. „Das machen wir am heutigen Sonnabend um 11 Uhr im Anschluss an den großen Umzug durch die Stadt zum Marktplatz (Start: 10 Uhr am Wehlenkiosk) – mit Sackpfeifen vorneweg.“

Das Gebiet an der Wehle ist zum dritten Mal Ort des mittelalterlichen Geschehens. „Wir hatten sofort die Unterstützung der Stadt, mussten bei den Anwohnern am Anfang Überzeugungsarbeit leisten“, erinnert sich Stefan Nissen. Doch schnell registrierten diese, dass beim „Friesich-Historischen Treyben“ nur Met und Bier, aber keine harten Sachen ausgeschenkt werden. „Außerdem ist freitags und sonnabends um 24 Uhr hier Schluss.“

40 Aktive – 25 Aktive und 15 Passive – hat der Verein „Frisisa Historica“ derzeit. Jüngstes Mitglied ist die zweijährige Prija, ältestes der 66-jährige Peter M. Nissen. Der Verein gehört zum Friisk Foriining mit Sitz in Bredstedt. Das Motto von „Frisia Historica“ und seine Arbeit: „So authentisch wie möglich, aber unverkrampft.“ Wer aktiv mitmachen möchte, ist ein Jahr lang Anwärter, muss in dieser Zeit bei drei Lager mitmachen. Stefan Nissen: „Ideal ist es, wenn eines davon bei schlechtem Wetter stattfindet. In einer solchen Situation und auch dann, wenn mal etwas nicht so klappt, zeigt ein jeder seinen wahren Charakter. Dann merkt man schnell, ob es passt oder nicht.“ Nach einem Jahr folgt dann das Aufnahme-Ritual: der obligatorische Klootstocksprung.

Der Markt ist am heutigen Sonnabend von 10 bis 24 Uhr, am Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Das Programm im Einzelnen gibt es im Internet unter www.frisia-historica.de, mehr über die Friisk Foriining auf der Homepage www.friiske.de

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