Mit Stolpersteinen gegen das Vergessen

Der Bildhauer Gunter Demnig möchte mit seiner Stein-Aktion die Erinnerung an die Opfer des Nazi-Regimes wachhalten. Für je einen Stolperstein in Aventoft und Rodenäs übernahmen Bürger sowie Angehörige die Patenschaft.

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03. August 2009, 05:59 Uhr

Aventoft / Rodenäs | In den Wiedingharder Gemeinden Aventoft und Rodenäs hat der Kölner Bildhauer Gunter Demnig Stolpersteine gesetzt. Mit seiner Stolperstein-Aktion will der Künstler die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, Zigeuner und Euthanasieopfer in der Zeit des Nationalsozialismus lebendig halten.

Für den Aventofter Stein zum Gedenken an Bertha Andersen hat der Aventofter Kaufmann Armin Bruhn die Patenschaft übernommen. Er war auch zusammen mit den Eheleuten Riese als einzige Gäste bei der Verlegung in Nambüll dabei. Wie bereits berichtet, wollten die Aventofter Bürger mit dem Gedenkstein die Courage von Bertha Andersen würdigen, die wegen "heimtückischer Äußerungen" am 6. Mai 1943 verhaftet und zu einem Jahr Haft verurteilt wurde.

Der zweite Stein wurde unmittelbar darauf in Rodenäs gesetzt, um an Hans Hugo Schnack zu erinnern. Neben dem Rodenäser Chronisten Hanno Nord waren die Bürgermeister Thomas Dose (Rodenäs) und Friedhelm Bahnsen (Klanxbüll), Pastor Hartmut Friedel sowie Kreispräsident Albert Pahl anwesend. Die Patenschaft hatte die Enkelin des Opfers, Hanna-Sophie Reynvaan aus dem österreichischen Bad Ischl, Tochter von Isa-Dorothea Schnack, übernommen. Mit rund 30 Verwandten, Enkeln und Urenkeln von Hans Hugo Schnack fand sich ein ganzer Familien-Clan aus Österreich, Dänemark und Norddeutschland zur Erinnerungfeier in Rodenäs ein.

Den Anstoß zur Nachforschung über das Schicksal des Großvaters gaben Informationen in der Rodenäser Chronik. Das Haus in Rodenäs, in dem Hans Hugo Schnack mit seiner Familie von 1924 bis zu seinen Verhaftungen 1933 und 1941 lebte, steht nicht mehr. Auf der ehemaligen kleinen Warft grasen heute Schafe. In den Asphalt davor setzte Gunter Demnig nun den Stolperstein. Darauf steht: "Hier wohnte Hans Hugo Schnack, Jahrgang 1895, eingewiesen 1944 Heilanstalt Meseritz-Obrawalde ermordet 8.6.1944".

Mit den Worten "Hans Hugo Schnack - ich verneige mich vor Deinem Schicksal", legte Hanna-Sophie Reynvaan die erste Rose für ihren Großvater am Stein nieder. Es folgten die übrigen Familienmitglieder. Insgesamt 65 Rosen - eine pro Jahr seit 1944.

"Hans Hugo Schnack hat schnell erkannt, dass der Nationalsozialismus nur Unheil für Deutschland bringt", sagte Kreispräsident Albert Pahl. Er appellierte an die Pflicht jedes Enzelnen, sich für Frieden und Freiheit zwischen den Menschen und Völkern einzusetzen.

Der Chronist Hanno Nord erinnerte an das Leben und Leiden von Hans Hugo Schnack, der mit Hansine Jacobsen aus dem Gotteskoog verheiratet war und mit ihr fünf Kinder hatte. Als Beruf hatte Hans Hugo Schnack Schreiber später auch Arbeiter und Landwirt angegeben. Er lehnte den Nationalsozialismus von Anfang an ab. Am 24. Juli 1933 wurde er in so genannte Schutzhaft genommen und dem Amtsgerichtsgefängnis Leck zugeführt. Auf Anweisung des Landrats wurde er am 12. August 1933 entlassen mit der Auflage: "Ich habe Sie anzuweisen, sich jeglicher politischer Betätigung in nichtnationalsozialistischem Sinne zu enthalten." Hans Hugo Schnack blieb bei seiner konsequenten Ablehnung des NS-Staates. 1940 wurde er wieder verhaftet als "übler Querulant und Staatsfeind, der gehetzt und Unfrieden gestiftet habe". Die Nazis sperrten den Familienvater in der Landesheil- und Pflegeanstalt Schleswig ein. Nach zwei Jahren gelang ihm die Flucht. Er versuchte sich in die Schweiz zu retten.

Hans Hugo Schnack kam bis zur Mosel, wo er in der Nähe von Koblenz festgenommen wurde. Obwohl der dortige Amtsobersekretär ihm bescheinigte, keineswegs den Eindruck eine Geisteskranken zu machen, kam er in das Landeskrankenhaus Neustadt/Holstein. Von dort wurde Hans Schnack 1944 mit einem Transport nach Meseritz östlich von Frankfurt/Oder gebracht. Unterwegs gelang es ihm, einen Brief hinaus zu schmuggeln, der als letztes Lebenszeichen seine Familie in Rodenäs erreichte. In der Nervenheilanstalt Meseritz-Obrawalde wurde Hans Hugo Schnack mit einer tödlichen Injektion umgebracht.

Eine Oberärztin und eine Anstaltspflegerin aus Meseritz-Obrawalde wurden 1946 in Berlin wegen Mordes in über hundert Fällen zum Tode verurteilt. Von 1943 bis 1945 ermordete das Nazi-Regimes in Meseritz über 10 000 Menschen.

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