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Niebüller Demenztage : Mit der Vergesslichkeit leben lernen

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Demenz ist nicht heilbar, aber es gibt viele Angebote, die Betroffenen und ihren Familien bei der Bewältigung der Krankheit helfen.

Die Niebüller Demenztage stießen auf Anhieb auf große Resonanz. Bürgervorsteher Uwe Christiansen blickte bei der Eröffnung in einen vollen Rathaussaal, wie man ihn bei Vorträgen selten erlebt. Den Auftakt der drei informativen Tage machte Dr. Ludolf Matthiesen, Chefarzt der Geriatrischen Abteilung am Klinikum Nordfriesland. Dem Geriater war das Thema „Demenz – die Geißel des Alters?“ gestellt worden. Er wartete mit einem Paket voller Antworten auf.

Die Angst vor der Demenz sei es ja auch, die die Angst vor dem Krebs längst überholt hat. Zu Recht, ließ er anklingen, weil die Demenz (lateinisch: ohne Geist) zunimmt und vor niemandem Halt macht. Matthiesen rechnete vor. Im Schleswig-Holstein leben 53.000 Demente – überwiegend Frauen, in Nordfriesland 3000 (ohne Dunkelziffer). In Deutschland sind es deren 1,4 Millionen, Tendenz um jährlich 250 000 neue Demente steigend. In Deutschland ist jeder Zwölfte über 65 und jeder Dritte über 90 dement. Matthiesen: „Demenz ist eine Volkskrankheit – und eine Erkrankung des Gehirns.“ Sie trete nicht akut auf, sondern entwickele sich.

Warum man dement wird, hat eine Vielzahl von Gründen. Obenan stehe das Alter als stärkster Faktor. Hinzu kommen Rauchen, Alkohol, Fett, mangelnde Schulbildung, Krankheiten usw. Eine Heilung von der Demenz gibt es nicht, machte er deutlich. Es könne allerdings eine Verzögerung geben. Hilfreich seien Freizeitaktivitäten und eine gesunde Ernährung – erleichternd und verzögernd wirken Musik, Gedankentraining und Tanz. Die Umgebung des Dementen müsse viel Geduld haben und Liebe, Kraft und Fantasie aufbringen. „Wenn einer an Demenz erkrankt, dann erkrankt die ganze Familie.“

Welche Möglichkeiten es gibt, mit der Krankheit umzugehen, erfuhren Interessierte beim Infonachmittag in der Begegnungsstätte. Vorsorgelotse Sievert Johannsen (Verein für Betreuung und Selbstbestimmung) warb um ehrenamtliche Betreuer, die einen zwei Tage dauernden Kursus absolvieren und dann eingesetzt werden (Info: Telefon 04841/4175). Catharine Meseritzer, Mitarbeiterin der Begegnungsstätte sowie der „Anker-Gruppe“ in der Seniorenwohnanlage Gath, zeigte anhand von Beispielen, wie leicht es ist, an Demenz Erkrankte zu aktivieren und zu motivieren. Mit Hilfe von Karten werden Sprichwörter vervollständigt („Die Antworten kommen häufig wie aus der Pistole geschossen“), auch alte Liederbücher bringen Erinnerungen zurück. Kreatives Basteln ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. „Es macht viel Freude“ – ihr und den Betreuten.

Maren Leder, Leiterin der „Frauenberatung & Notruf Nordfriesland“ (Terminvereinbarung unter 04661/942688), ging in ihrem Vortrag „Gewaltige Herausforderung“ auf ein Tabuthema ein: Gewalt im Leben mit Demenz, Übergriffe auf Betroffene, verschiedene Formen der Gewalt. Friedlinde Grabert stellte das Haus der Wohnprojektgesellschaft Ladelund mbH vor. „Es war mein Traum, eine Lebensgemeinschaft aufzubauen“, erklärte sie. Enstanden ist kein Pflegeheim, sondern eine Wohngemeinschaft, in der die Bewohner, derzeit zwischen 56 und 94 Jahre alt, als Mieter gemeinsam unter einem Dach leben, etwas unternehmen, aber sich auch zurückziehen können. Selbstbestimmt.

Angelica Lorenzen vom Fachdienst Gesundheit Sozialpsychiatrischer Dienst und für den Bereich des alten Amtes Südtondern sowie Sylt tätig, zog nach einer Telefonaktion und den Veranstaltungen eine positive Bilanz. Die Demenztage hätten die Problematik bekannter gemacht. Denn: „Trotz allem gibt es in Nordfriesland Menschen, die nicht wissen, woher sie Hilfe bekommen.“ Der Grund? „Wenn ich nicht betroffen bin, mache ich mir auch keine Gedanken“, so ihre Erfahrung. Viele vergessen: Demenz kann wirklich jeden treffen.










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erstellt am 30.Okt.2014 | 10:53 Uhr

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