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Vergrämungsaktion : Mit dem Revolver gegen Krähennester

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Jährlich versucht die Stadt Niebüll tausende Saatkrähen vor Brutbeginn an den Stadtrand umzusiedeln / Naturschützer üben Kritik an Vergrämung

Wenn Jochen Johannsen mittags im Niebüller Stadtpark seinen Revolver aus der Jackentasche zieht und zum Schuss anlegt, dann hat der 48-Jährige keine bösen Absichten – er will nur Krach machen. Was für Passanten auf den ersten Blick wie High Noon in Nordfriesland aussieht, ist Teil einer amtlich genehmigten Aktion und soll Saatkrähen vom Nestbau abhalten. Johannsen ist Leiter der Niebüller Bauhofs und auch in diesem Frühjahr mit der Vergrämung der Vögel im Stadtgebiet betraut: „Wir schießen seit Mitte Februar zweimal am Tag mit Schreckschussmunition, um die Tiere davon abzuhalten, hier zu nisten. Wir wollen den Anwohnern damit Lärm und Dreck der Vögel ersparen.“

Doch so einfach, wie es sich anhört, ist das Vorhaben der Stadt nicht: Ein Blick in Richtung der haushohen Buchen und Eichen im Stadtpark verrät, trotz der Pistolenschüsse haben sich schon etliche Krähen in den Baumkronen niedergelassen. Auch vom Boden erkennt man deutlich die fußballgroßen Nester. Nur die Krähen sind nirgends zu sehen. „Die Tiere sind sehr schlau“ , sagt Johannsen, „sie erkennen mich schon aus der Ferne und ziehen dann Leine“. Um es den intelligenten Vögeln nicht zu einfach zu machen, wechseln sich die Mitarbeiter des Bauhofes bei der Vergrämung ab, kommen nicht zu festen Zeiten und tauschen schon mal die Autos. „Um auf Nummer sicher zu gehen, müssten wir uns eigentlich jedes Mal verkleiden oder eine Perücke aufsetzen“, scherzt der Bauhofleiter.

Seit sich Niebüller Bürger über den Kot und die Lautstärke der geschützten Vögel aufregen, versucht man die Tiere umzusiedeln. „Ganz vertreiben lassen sie sich nämlich nicht, das wollen wir auch nicht. Stattdessen versuchen wir, die Krähen aus dem Innenstadtbereich umzuleiten.“ Ziel sei es, die gefiederten Mitbewohner von Wohngebieten fernzuhalten, was bisher auch gut gelinge. Momentan gibt es vier größere Krähen-Kolonien in der Stadt: Der Stadtpark gehört dazu, aber auch der Grünstreifen am Malmesbury-Park, im Bereich der Bildungs- und Arbeitswerkstatt Südtondern und besonders am Lagedeich in direkter Bahnhofsnähe sind die Krähen zu Hause. „Im vergangenen Jahr haben wir in diesen Bereichen 1198 Nester gezählt“, erinnert sich Fritz-Walter Baumgardt vom Ordnungsamt des Amtes Südtondern. „Momentan gehen wir davon aus, dass wir etwa 6000 Saatkrähen in Niebüll haben.“ Noch bis zum Ende des Monats gilt die Genehmigung für die städtische Vergrämungsaktion, die ordnungsgemäß vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume erteilt wurde. „Danach beginnt die Brutzeit der Krähen und wir lassen sie in Ruhe“, so Baumgardt. Nach 32 bis 35 Tagen werden die jungen Saatkrähen dann flügge und schließen sich zu „Jugendschwärmen“ zusammen.

Niebüll ist nicht die einzige Stadt im Norden, die sich die Saatkrähen als Lebensraum ausgesucht haben. Auch Bad Segeberg, Neumünster oder Husum wollen den Vögeln das Nisten madig machen. Warum aber ist Niebüll für die Saatkrähe als Nistort attraktiv? Der Geschäftsführer des Naturschutzbundes (Nabu) Schleswig-Holstein, Ingo Ludwichowski, weiß darauf eine Antwort: „Die Vögel finden im Umland Felder, auf denen sie nach Essbarem suchen. Auf ihrer Speiseliste stehen Insekten, Regenwürmer, Schnecken, Getreidesamen oder Feldfrüchte.“ Zudem gebe es im Stadtbereich kaum natürliche Feinde wie Eulen oder Greifvögel. „Das ist für die Saatkrähe natürlich attraktiv.“ Der Naturschützer macht aber auch klar, dass der Nabu jegliche Vergrämungsaktionen wie in Niebüll ablehnt. „Man verscheucht so nicht nur die Saatkrähen, sondern auch alle anderen Vögel.“ Die Diskussion über die Tiere laufe seit Jahren in die falsche Richtung: „Wenn sich Menschen über die Lautstärke in der eigenen Stadt aufregen, dann sind es nicht Vögel wie die Saatkrähe, sondern wohl eher Autos, die man verbannen sollte.“ Stattdessen die geschützten Vögel aufs Korn zu nehmen, sei die falsche Strategie. „Wir sollten uns darüber freuen, dass es diese Art bei uns gibt“, wirbt Ludwichowski für mehr Akzeptanz. Dieses Wohlwollen hat es früher gegeben. Durch ihre Vorliebe für Insekten waren Saatkrähen in der Vergangenheit beliebte Gäste auf den Feldern. Die Schwärme waren praktische Helfer bei Schädlingsbefall. Mit dem Einsatz von Pestiziden ist das heute anders: Die Tiere weichen nun auf Feldfrüchte oder Saatgut aus, was wiederum vielen Landwirten sauer aufstößt.

Die Verwaltung setzt derweil weiter auf Vergrämung mit Augenmaß. „Ich persönlich habe nichts gegen die Krähen“, sagt Jochen Johannsen, „wir müssen uns mit den Tieren arrangieren – die wollen auch nur irgendwo leben“. Kurz darauf, am Grünstreifen angekommen, setzt er sich seine Ohrenschützer auf, zieht seinen Revolver, zielt in Richtung Baumkronen und drückt ab.

 

 

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erstellt am 13.Mär.2015 | 05:00 Uhr

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