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Windräder und Immobilienpreise : Mit Blick auf die Windkraft

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

53 Windräder entstehen aktuell in Südtondern / Anlieger fürchten auch finanzielle Auswirkungen auf ihre Immobilien

shz.de von
erstellt am 08.Okt.2014 | 05:00 Uhr

Eigentlich ist es ein echtes Schmuckstück, das normalerweise schnell einen Käufer findet. Das Dach des kleinen Hofs ist reetgedeckt, der Garten idyllisch. Das Objekt liegt unweit der Nordsee, nur wenige Kilometer von der Stadt Niebüll entfernt. Und dennoch findet die Kate nun schon seit drei Jahren keinen Käufer. Der hiesige Immobilienmakler Dirk Friedrichsen, der das Haus in seiner Obhut hat, kennt den Grund: Vorderfront sowie Innenräume des Reetdachhauses gucken sich die potenziellen Käufer noch mit Wohlgefallen an. Kaum jedoch, dass der Garten hinter dem Haus besichtigt wird, ist das Interesse ad hoc verschwunden, was an den Windkraftanlagen liegt, die sich unweit des Gebäudes drehen. Friedrichsen: „Es ist bedauerlich, aber das Objekt bekomme ich nur deshalb nicht verkauft.“

Auch Günther Jacob weiß um die Wirkung von Windkraftanlagen in unmittelbarer Nähe zu Immobilien. 1999 erwarb er mit seiner Frau am Rande von Risum-Lindholm in der Herrenkoogstraße einen Resthof. Damals standen auf den Feldern gegenüber zwar schon einige Windräder, der Blick nach hinten war jedoch unverbaut. Doch nach und nach rüstete die Gemeinde auf. Mittlerweile sind es sechs Anlagen, die sich vor dem Panoramafenster der Familie drehen. Und acht werden es 2015 sein, wenn erst der Bürgerwindpark Osterdeich seine Mühlen aufgestellt hat. Eine davon, die WEA 5, ist 571 Meter entfernt. Jacob hat versucht, zu intervenieren – chancenlos, denn alle rechtlichen Vorgaben werden eingehalten. „Es geht mir zusammen mit den anderen Anliegern auch gar nicht darum, einen Streit anzufangen. Wir sind nicht gegen erneuerbare Energien. Wir wollen jedoch bewusst machen, wie sehr diese Nähe zu den Anlagen unsere Lebensqualität einschränkt.“ Dabei ist die Rede nicht nur von der Lärm- und Lichtbelästigung, sondern zudem von wirtschaftlichen Aspekten. „Wir haben hier im Laufe der Jahre viel in den Umbau des Hauses investiert. Bei einem Verkauf würden wir aber nie einen dafür angemessenen Betrag erhalten“, beklagt Jacob. „Denn das Gebäude hat seinen Preis. Wer so viel Geld ausgeben kann, der will auch seine Ruhe haben und nicht in der Nähe von Windkraftanlagen wohnen.“

So zählen Wertminderungen von Immobilien zu den Schattenseiten der Windkraftanlagen. „Ein Preisverlust um die Hälfte bis hin zur Unverkäuflichkeit sind durchaus keine Seltenheit“, beschreibt es Immobilienmakler Dirk Friedrichsen.

Für Hausbesitzer Günther Jacob ist daher jede zusätzliche Windkraftanlage eine zu viel. Aber weitere werden definitiv folgen. Laut Amt Südtondern befinden sich insgesamt 44 Windräder im Bau, bei neun weiteren beginnen die Arbeiten demnächst (siehe Infokasten). Von einer „Verspargelung der Landschaft“ sprechen die Windkraft-Gegner, von finanziellen Einnahmen für die Gemeinden und damit auch das Allgemeinwohl die Befürworter. Für sie sind die Nebenwirkungen der Windparks im Vergleich zur Atomkraft das kleinere Übel und die Proteste der Gegner bedauerliche Einzelschicksale. Doch je mehr Anlagen in Südtondern entstehen, desto dichter rücken sie mancherorts an die Bebauungen heran. Weitere Konflikte sind programmiert. „Wo soll denn das noch hinführen?“, fragt sich Jacob. Ihn ärgert, dass das finanzielle Interesse der Kommanditisten eines Bürgerwindparks meist stärker wiegt als die Sorgen der Anlieger. Auch fürchtet er Auswirkungen auf die Vermietbarkeit der eigenen Immobilien an Urlaubsgäste oder dauerhafte Mieter.

Zwar stören sich laut der Studie „Einflussanalyse Erneuerbare Energien und Tourismus in Schleswig-Holstein“ (NIT, Juli 2014) nur sechs Prozent der Urlauber an Windkraftanlagen. Die Störgefühle seien sogar in der Tendenz eher gesunken. Dennoch waren sich die befragten Urlauber einig, dass niemand direkt in der Nähe von Windrädern in den Ferien wohnen möchte. „Deshalb muss stärker nach Alternativen zu den Windkraftanlagen gesucht werden“, so Jacob. Obwohl der 62-Jährige viel Herzblut in den Umbau seines Hofs gesteckt hat, würde er sein Eigenheim am liebsten sofort verkaufen – derart stören ihn die landschaftlichen Veränderungen. Doch Freunde brachten es auf den Punkt. „Wo willst du hin?“, hatten sie ihn gefragt. „Du weißt doch nicht, wenn du woanders etwas kaufst, ob dort nicht vielleicht auch irgendwann ein Windpark entsteht.“ Aus diesem Grund bleibt Günther Jacob mit seiner Familie vorerst in der Herrenkoogstraße wohnen – mit weitem Blick auf Feld, Flur und Windkraft.

 

 

 

 

 

 

 

 

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