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Nordfriesland Tageblatt

21. November 2017 | 02:04 Uhr

Fahrt durch Leck : Mit 93 noch einmal ans Steuer

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Ein paar Runden hinter dem Steuer eines Mercedes um den Block drehen: Dieser Herzenswunsch ging für Lilli Schulze aus Leck in Nordfriesland in Erfüllung.

shz.de von
erstellt am 04.Apr.2014 | 06:00 Uhr

Leck | „Aber nicht so wild“, ruft Lilli Schulze, doch das ist nicht so ernst gemeint. Die Frau ist gut drauf. Sie sitzt auf der Fläche ihres Rollators, lässt sich von dem Personal der Seniorenwohnanlage Leck im rasanten Tempo durch die Gänge der Einrichtung chauffieren. Eine kleine Vorbereitung auf das, was jetzt kommt. Denn heute ist ein besonderer Tag für die 93-Jährige: Sie darf sich noch einmal hinter das Steuer eines Pkw setzen und ein paar Runden drehen. Das war ihr größter Wunsch, und der wird ihr nun erfüllt.

Angela Andersen ist Fachkraft vom Soziokulturellen Dienst im Hause der Senator-Einrichtung. Sie hat zehn Jahre in der Pflege gearbeitet, Fortbildungen besucht und ist Ideengeberin für die Aktion. „Wir möchten in jedem Monat einem Bewohnern einen Wunsch erfüllen, kleine Dinge, die machbar sind“, erklärt sie. „Denn die meisten sind nicht nicht mehr in der Lage, selbstständig beispielsweise eine Kirche aufzusuchen.“ Gesammelt hat Angela Andersen schon einige Anregungen. „Da sind einige, die würden gerne die Nordsee sehen, ein Picknick oder einen Waldspaziergang machen, shoppen gehen oder Sonstiges.“ Eine betreuende Kraft wird sie dann begleiten. Wichtig ist: „Der Bewohner steht im Mittelpunkt.“

Lilli Schulze ist die erste Glückliche. Die mittlerweile 93-Jährige hat lange Zeit in Stadum gelebt und ist seit Juni 2009 in der Wohnanlage zu Hause. Geboren wurde sie 1921 in Brettendorf/Thüringen, hat im Krieg als Krankenschwester in einem Lazarett in Berlin gearbeitet, später ihren Mann in Leck kennengelernt, mit ihm eine Familie mit zwei Kindern gegründet.

Mit 46 Jahren machte sie ihren Führerschein und war mit ihrem beigefarbenen Mercedes viel unterwegs. Unfallfrei. „Häufig aber zu schnell“, bekennt sie mit einem spitzbübischen Lächeln. „Irgendwann stand einmal die Polizei bei mir zu Hause. ,Was sollen wir mit Ihnen nur machen?‘, haben sie gesagt.“ Doch es ging gut aus. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich Strafe zahlen musste“, kramt sie in ihren Erinnerungen.

Nun aber geht’s los: Vor der Tür steht eine neue B-Klasse. Fahrlehrer Herbert Cordsen, Inhaber des Lecker Unternehmens, wartet schon. „Ich fand die Idee so toll“, sagt er – und hat kurzerhand die Ausfahrt gesponsert. Versicherungstechnisch ist alles abgeklärt. „Die Pedalen bediene ich.“ Und auch den größten Teil der Lenkarbeit. Es ist eine Beobachtungsfahrt, der ADAC nennt es ein Fahr-Fitness-Check (FCC), eine Sicherheitsfahrt.“ Sie sei bei Senioren keine Seltenheit, häufig scheuen die Familienangehörigen aber diesen Schritt, wenn sie bemerken, dass es nicht mehr geht. „Der Wert des Führerscheins liegt bei älteren Menschen einfach höher, als bei den jungen.“ Im Falle von Lilli Schulze bedeutet dies: „Wir werden ein Gespräch führen, eine kleine Runde auf der Hausstrecke drehen, ihr anschließend empfehlen, den Führerschein nicht mehr zu benutzen, denn entsprechende Fahrfertigkeiten gibt es nicht mehr. Wir erfüllen Frau Schulze einfach nur den Wunsch, hinter dem Lenkrad zu sitzen.“

Und der Traum wird wahr. „Haben wir die Bremse angezogen?“, fragt die Seniorin nach der Rückkehr besorgt. Sie hat. Wie war die Fahrt? „Er hat mir zu oft ins Lenkrad gegriffen“, beschwert sich Lilli. Und ansonsten?  Ihr Gesicht hellt sich auf: „Es war sehr aufregend. Es ist alles so neu. Das ist ein tolles Auto.“ Und auch das schmerzende Knie hat sie für eine halbe Stunde vergessen. „Tschüß – und Dankeschön für die große Reise“, ruft sie dem Fahrlehrer zu und winkt. Dann ist sie um die Ecke verschwunden.

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