zur Navigation springen
Nordfriesland Tageblatt

18. August 2017 | 01:45 Uhr

Mit 240 km/h zum Einsatz

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Jeder kennt die Hubschrauber der DRF-Luftrettung. Aber wie sieht der Alltag der Luftretter eigentlich aus? Ein Blick hinter die Kulissen

Schlaganfall, Herzinfarkt, Unfall: Wann immer erforderlich, starten die Hubschrauber der DRF Luftrettung, um schnelle Hilfe zu leisten. So auch „Christoph Europa 5“ aus Niebüll, der nördlichsten Station in Deutschland. Das Einsatzgebiet ist Nordfriesland mit den Nordfriesischen Inseln. Oft geht es aber auch weit über die Kreisgrenze hinaus und teilweise auch ins südliche Dänemark. Die Station liegt direkt neben dem Klinikum Nordfriesland und ist täglich von Sonnenaufgang, frühestens ab 7 Uhr, bis Sonnenuntergang einsatzbereit.

Der Himmel ist an diesem Märztag wolkenlos. Perfektes Flugwetter und Pilot und Stationsleiter Jürgen Voiß fährt den Hubschrauber vom Typ BK 117, vollgestopft mit modernsten medizinischen Geräten, auf seiner Plattform vor die Halle und meldet sich bei der Leitstelle Nord einsatzbereit. Nach dem anschließenden Frühstück wird der Hubschrauber für einen Intensivtransport alarmiert. Nachdem sich die Kliniken immer mehr spezialisieren, hat die Zahl der Patiententransporte zwischen Kliniken merklich zugenommen. Eine Patientin soll von Flensburg nach Kiel gebracht werden. Ein anfänglicher Herzinfarkt stellte sich als lebensbedrohlicher Riss in der Hauptschlagader heraus und muss dringend operiert werden. Jürgen Voiß startet die Triebwerke, Notarzt Dr. Oliver Buchholz nimmt hinten im Hubschrauber Platz. Rettungsassistent Thomas Osterbrink setzt sich nach vorne ins Cockpit. Während des Fluges unterstützt er den Piloten beim Funken und Navigieren, an der Einsatzstelle dann den Notarzt. Die Ärzte kommen überwiegend aus Kliniken Schleswig-Holsteins und Hamburgs und versehen die Tage auf dem Hubschrauber neben ihrer eigentlichen Tätigkeit, ebenso wie die meisten Rettungsassistenten. Auf dem Weg nach Flensburg geht es in Augenhöhe an den zahlreichen Windkraftanlagen vorbei. So grenzenlos ist es dann auch da oben nicht und erfordert die volle Konzentration des Piloten. Anderthalb Stunden nach der Alarmierung befindet sich die Patientin bereits im Operationssaal der Uni-Klinik Kiel. Ein Zeitvorteil, den nur der Hubschrauber leisten kann.

Zurück an der Station, steht eine Kindergartengruppe vor der Tür und möchte sich den Hubschrauber anschauen. Notarzt Dr. Oliver Buchholz beantwortet gerne die Fragen der Kinder, die begeistert abwechselnd in den Hubschrauber klettern. Danach wird es ruhig und bleibt es auch für den Rest des Tages. Kein Einsatz mehr für „Christoph Europa 5“. „Auch solche Tage gibt es“, sagt Pilot Jürgen Voiß.

Am nächsten Tag wurde Notarzt Dr. Oliver Buchholz durch Prof. Dr. Ulf Linstedt abgelöst. Der erste Einsatz kommt diesmal vor dem Frühstück. Ein Mann aus Neukirchen hat nach einer Kopf-OP plötzlich extreme Kopfschmerzen. Nordfriesland ist dünn besiedelt und weitläufig. Aus der Luft erahnt man die langen Anfahrtswege, die ein Notarztwagen hätte. Wieder ein klarer Vorteil des Hubschraubers. „Den richtigen Einsatzort zu finden, ist hier schon manchmal eine Herausforderung“, berichtet Jürgen Voiß. Es gibt viele einzelne und weit auseinander liegende Häuser. So werden, wie in diesem Fall auch, schon mal im tiefen Schwebflug Hausnummern abgelesen, ob man auch richtig ist. Eine große Hilfe sind da immer winkende Angehörige. Nachdem der Mann nach Flensburg gebracht wurde, muss das angefangene Frühstück abgebrochen werden. In Friedrichstadt klagt eine Frau über Brustschmerzen. Die medizinische Crew begleitet die Frau im Rettungswagen und wird anschließend von Jürgen Voiß am Krankenhaus in Husum abgeholt. Auf dem Rückflug erhält die Besatzung bereits einen neuen Einsatz. Ein Mann mit Verdacht auf Schlaganfall muss von Föhr nach Heide transportiert werden. Auf dem Flugplatz in Wyk/Föhr wird der Patient vom Rettungswagen an die Hubschrauberbesatzung übergeben. Im Heider Krankenhaus schwärmt der ältere Herr von seinem ersten Hubschrauberflug und verabschiedet sich mit den Worten: „Ich bin froh, von Ihnen behandelt worden zu sein!“

Die Patienten sind sich der schnellen Hilfe bewusst, die heutzutage so selbstverständlich scheint. In seltenen Fällen fürchten Einzelne, den Hubschraubereinsatz zahlen zu müssen. Aber diese Angst ist unbegründet, dem Patienten entstehen keinerlei Kosten. Der erneute Versuch, das Frühstück zu beenden, scheitert. Größer können die Gegensätze zum Vortag nicht sein. Aber niemanden stört das. Da muss ein knurrender Magen eben warten. Eine Frau klagt über Schmerzen in der Brust. Jürgen Voiß kann direkt hinter dem Haus in Behrendorf landen und Prof. Dr. Ulf Linstedt und Thomas Osterbrink eilen zu der Patientin. Nach einer Untersuchung und Rücksprache mit dem Hausarzt kann die Patientin zu Hause bleiben.

Es ist mittlerweile 13.20 Uhr und das bisher ausstehende Frühstück wird um Würstchen und Kartoffelsalat erweitert. Dann bleibt es vorerst ruhig. Zeit um die Einsätze, Patienten- und Flugdaten in den Computer zu tippen. Etwas später wird der Hubschrauber für einen Patiententransport von Amrum nach Flensburg angefordert. Nach acht Minuten Flugzeit ist Amrum erreicht, ein konkurrenzloses Einsatzmittel für die Inseln. Keiner mag sich wohl vorstellen, nach einem Notfall erst 90 Minuten mit der Fähre ans Festland fahren zu müssen. Die Begrüßung unter den Rettungsdienstmitarbeitern ist freundlich, beinahe familiär. Man kennt sich und weiß die gegenseitige Arbeit zu schätzen.

Es war der letzte Einsatz des Tages und mit einsetzender Dämmerung meldet Jürgen Voiß „Christoph Europa 5“ bei der Leitstelle ab. Aber am nächsten Tag, pünktlich um 7 Uhr, steht er wieder bereit, der Rettungshubschrauber der DRF Luftrettung, um der Bevölkerung in der Region schnellstmögliche Hilfe zu leisten. 


Die DRF-Luftrettung finanziert sich über Spenden. Mehr zum Thema unter www.drf-luftrettung.de



zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen