zur Navigation springen

Autor Finn Ole Heinrich : Menschliche Tragik – brillant geschildert

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Der wohl bekannteste Nachwuchsautor Deutschlands Finn Ole Heinrich war zu Besuch an der dänischen Grenze

„Mit Verlaub, Sie sind wohl das älteste Publikum, vor dem ich je gelesen habe“, sagte Finn-Ole Heinrich, derzeit der wohl bekannteste Nachwuchsautor Deutschlands, zu Beginn seiner Lesung in der Kulturstation Zollhäuser Rodenäs. Irritiert, dass aus unerfindlichen Gründen kein einziges jugendliches Gesicht Präsenz zeigte, war er, der sonst in großen Städten Säle mit überwiegend Jüngeren füllt, nicht. Sein Auftritt auf dem flachen Land war indes auch einer persönlichen Verbindung geschuldet. Als Dank für die Vermittlung einer Ferienwohnung gab es die Lesung „umsonst“. Und so saß der preisgekrönte Autor ganz entspannt mit seiner Freundin in einem Kreis von Literaturinteressierten 70+, die aufmerksam seiner Präsentation folgten.

Und die hatte es in sich. Abgesehen von seinen Kindergeschichten um „Frerk, du Zwerg“ – inzwischen als Oper umjubelt – und „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt“ (Deutsch-Französischer Jugendliteraturpreis 2014) bot der in Neuengamme ansässige Autor harten Tobak. In der Geschichte über einen Jungen, der seinen Helm nicht absetzen will, wird deutlich, wie sehr das Kind die Trennung vom Vater quält. Einfühlsam und dennoch hart an der Schmerzgrenze schildert Heinrich dessen Leiden. Die Ich-Sicht ist frappierend gelungen, das seelische Desaster mehr als deutlich. Weghören geht nicht: Knapp und unsentimental in der Sprache, rückt der Schriftsteller dem Publikum extrem auf die Pelle.

Das kommt auch in der Story von einem jugendlichen Gewalttäter zum Ausdruck. Dieser lebt in einem Heim, hat Freigang; er misshandelt und missbraucht einen Knaben. Wahr oder nur erdacht? Die Schilderung aus der Sicht des Täters ist kongenial nachempfunden, aufwühlend und gleichzeitig schwer erträglich. Dieser Junge handelt irrational, es gibt keine Begründung für die Gewalt und genau das ist es, was verstört. Die Betreuer erreichen ihn nicht, er durchschaut die Psychologen. Blanker Horror.

„Für mich ist das Schreiben eine Möglichkeit, meine Ängste, Sorgen, Zweifel aufzuspüren. Immer auch in der Hoffnung, dass ich das alles nicht erleben muss, wenn ich es mir schon vorher vor Augen führe.“ Als Zivildienstleistender hat er in einem solchen Heim gearbeitet, hat einiges nachrecherchiert, er weiß wovon er spricht. Deprimierend sei für ihn, dass diese Straftäter – gleichwohl sind sie Menschen – als untherapierbar gelten.

Der harte Stoff für die Zuhörer ging ihm auch in der dritten Geschichte nicht aus. Eine Pärchen steht vor einer neuen Situation. Die hübsche junge Frau hat ein Bein verloren; er kommt mit der Situation nicht klar. Wiederum aus Sicht des Partners schildert dieser, wie ihn der Beinstumpf anekelt, er keine Lust mehr empfinden kann. Und offensichtlich redet er nicht mit ihr, nur mit sich selbst.

„Ich bemühe mich immer sehr darum, keine Sprachspielereien einzubauen, die nicht notwendig sind. Es geht natürlich um Präzision in der Beobachtung und auch in der Konstruktion der Geschichten, aber ich möchte möglichst eine Sprache finden, die dem Erzähler angemessen ist und eine, die auch gut nachvollziehbar ist, die nicht ablenkt von dem, was eigentlich wesentlich ist an der Geschichte, also die Situationen, die wirklich unter die Haut gehen – hoffentlich.“ Beinahe beiläufig schildert Finn-Ole Heinrich das alltägliche Grauen; präzise, fesselnd, wortmächtig.

Die Zuhörer in der Kulturstation Zollhäuser Rodenäs waren fasziniert, sprachen den Autoren nach der Lesung an, schilderten eigene Erlebnisse. Einig war man sich in der Bewertung: Es war ein Abend, den man nicht so schnell vergessen wird.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen