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Jazz-Legende : „Meine Musik ist für mich das wichtigste Ding“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Chris Barber ist demnächst in Niebüll zu Gast – im Interview schaut er auf ein bewegtes Leben, und in die Zukunft.

Niebüll | Chris Barber, Sie feiern mit 87 Jahren Ihr 65-jähriges Bühnenjubiläum mit einer Konzerttournee. Das ist aber keine Abschiedstour, oder?
Überhaupt nicht. Ich hoffe es jedenfalls nicht.


Ihre erste Band haben Sie mit 19 Jahren gegründet. Stehen Sie also eigentlich nicht schon seit 68 Jahren auf der Bühne?
Ja, ich habe damals eine Amateur-Band gegründet, weil ich Jazz spielen wollte. Ich habe einige Freunde von der Idee begeistern können.


Sie haben sich dann ganz für die Musik entschieden. Haben Sie diesen Schritt jemals bereut?
Nein. Ich war ja zuerst an Mathematik interessiert. Mein Vater war Ökonom und Mathematiker, und ich war in Mathe richtig gut. Ich wollte das auch studieren, aber mein Interesse galt doch mehr der Musik. Ich hatte eine Möglichkeit gefunden, zu spielen und das war mir wichtiger. Mein Vater hat dann gesagt, wenn ich nicht Mathematik studieren wolle, könnte ich an ein Musik-College gehen. Ich dachte ja nicht, dass das, was da an der Musikschule passiert, nichts mit Jazz zu tun hat, und habe angefangen, an der Guildhall School of Music and Drama, der wichtigsten Musikschule in London und Umgebung, zu studieren. Neben der Posaune brauchte ich ein zweites Instrument, und ich dachte, gut, ich habe ja in der Schule schon ein bisschen Geige gelernt. Aber ich wäre einer von über tausend Geigern gewesen, das war nicht interessant, und so bin auf den Bass gekommen. Ich habe das Bassspiel in unserer Band ausprobiert und fand es nicht schwer. Unsere Band hat sich dann mehr und mehr entwickelt. Ich habe viel Glück gehabt, dass viele Musiker mit Talent mitgemacht haben.

Sie waren auch als Rennfahrer aktiv. Sind Sie ein risikofreudiger Mensch?
Nicht als Rennfahrer. Also, ich mag Autorennen, und ich war für mich akzeptabel gut, aber nicht besonders gut. Und im Endeffekt: Rennautos sind zu teuer. Vor allem aber lebt man immer mit der Gefahr, das nächste Rennen nicht zu überleben, und das ist nicht so schön. Es ist schwierig, Nähe aufzubauen, denn als Rennfahrer ist man engagiert in einem Leben, das sehr schnell zu Ende sein kann.


The Big Chris Barber Band steht für Traditional Jazz. Was fasziniert Sie gerade am Jazz der Alten Schule?
Traditional Jazz ist auf einem harmonischen Hintergrund aufgebaut. Wir hören auch moderne Musik – klassischen und auch modernen Jazz. Aber für mich ist das nicht melodisch, die Harmonien sind anders. Wir mögen die alte Art und finden sie wichtig.

Sie haben den New Orleans-Stil ab Mitte der Fünfziger Jahre in Europa populär gemacht. Wie ist Ihr Sound in den USA angekommen?
Wir haben ja in Amerika, auch in New Orleans selbst, gespielt und haben erfahren, dass unsere Version, unsere Idee, dort hundertprozentig akzeptiert und bewundert wurde. Wir haben die Musik gehört und haben sie gespielt. Bei unserem ersten Besuch in New Orleans haben wir bei einem Festival gespielt, das von der New Orleans Jazz Society organisiert wurde. Da sind die besten Musiker und Bands aus New Orleans aufgetreten, und über uns wurde am nächsten Morgen in der Zeitung berichtet. Das war sehr schön.

Sie sind mit renommierten Bluesmusikern wie Muddy Waters oder Sonny Terry aufgetreten. Wie kam es dazu?
Der Blues spielt im originären New-Orleans-Stil eine wichtige Rolle. Er hat sich vermischt mit Volksmusik, die wir hier auch kennen. Der Blues ist aber der Grund, warum der New-Orleans-Stil in den Phrasen und im Ton ganz anders ist als europäische Musik. Wir hatten dann das Glück und konnten einige interessante und einflussreiche Bluesmusiker und -sänger für Konzerte in Europa gewinnen. Die haben unseren Blues gehört und gesagt, okay, wir mögen zwar die Instrumente nicht, aber den Blues schon.

Mittlerweile sind Sie 87 Jahre alt und stehen noch regelmäßig auf der Bühne. Haben Sie immer noch genauso viel Spaß am Spielen wie früher?
Ja. Ich bin froh, dass meine Gesundheit es mir erlaubt, das zu tun, was ich tun will. Meine Musik ist für mich das wichtigste Ding in meinem Leben.


Mit ihrer Musik ist eine ganze Generation aufgewachsen. Ist das Publikum mit Ihnen alt geworden?
Ja, auch. Manche Leute, die in unsere Konzerte kommen, sind fast so alt wie wir. Sie haben uns schon in den 50-er und 60-er Jahren gehört, auch Musiker sind darunter. Aber es gibt auch immer wieder Neue, die mit Freunden ins Konzert kommen und begeistert sind.

Jazz ist ja keine Musik, die bei uns ständig im Radio läuft. Wächst da überhaupt eine jüngere Generation nach, die Traditional Jazz hört?
Ich glaube schon. Jungsein ist ein Stück des Lebenswegs. Junge Menschen suchen meistens eine Musik, die ganz einfach ist, mit einer einfachen Message. Aber es gibt natürlich auch Millionen von Menschen, die vielleicht niemals Jazz hören. Das muss man akzeptieren.

Worauf darf sich das Publikum besonders freuen?
Wir spielen unsere Musik voller Gefühl, und wir haben Spaß daran. Hoffentlich wird das Publikum dieses Gefühl auch mitbringen.  

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