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Beeinträchtigung : Mehr Geld für mehr Barrierefreiheit

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Manfred Steffens, Beauftragter für Menschen mit Behinderungen, lobt in seiner Vier-Jahres-Bilanz die Investitionen der Stadt Niebüll

von
erstellt am 19.Feb.2015 | 05:00 Uhr

„Kennen Sie den Unterschied zwischen behindertengerecht, seniorenfreundlich, barrierearm oder barrierefrei? Es ist ganz einfach. Der einzige eindeutig definierte und normierte Begriff ist ,barrierefrei‘. Die anderen Begriffe sind nicht eindeutig definiert, also irreführend und sinnlos!“ Seit 2011 ist er im Amt und wurde 2013 bestätigt: Der Niebüller Manfred Steffens vertritt als Beauftragter der Menschen mit Behinderungen der Stadt Niebüll deren Interessen in den politischen Gremien. Vor den Stadtvertretern zog er in einem sehr persönlichen Bericht Bilanz – verteilte Lob, sparte aber nicht mit Kritik.

„Barrierefreiheit im Verkehrsraum und bei öffentlichen Gebäuden mit sich ändernden Normen und Anforderungen ist ein großes Feld“, so Steffens. Im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) häufig gar ein Ärgernis. „Die Züge der Arriva/neg nach Tondern sind bis heute nach millionenschwerer und jahrelanger Sanierung des Bahnhofs vor einigen Jahren nicht barrierefrei nutzbar. Die Ursache dieses Problems liegt bei der DB Netz, nicht dem Betreiber Arriva/neg.“ Weitere Negativbeispiele aus dem Zuständigkeitsbereich der DB-Töchter: der Zustand der Fußgänger- und Radquerungen am Bahnübergang Gather Landstraße mit „hochgequollenem Asphalt“, der Zustand der Toiletten im Bahnhofsgebäude („immer noch ohne barrierefreies WC“).

Hingegen zeige das städtische Programm zur Verbesserung der Barrierefreiheit auf den Fußwegen in der Innenstadt positive Ergebnisse. Steffens: „Es wird und muss weitergeführt werden, auch außerhalb der Innenstadt.“ Hierfür seien erfreulicherweise Mittel im Haushalt 2015 eingeplant. Positiv seien die Schaffung eines barrierefreien Behinderten-WCs im ZOB-Gebäude, die Schaffung eines barrierefreien Überganges am Drosselweg sowie die Verbindung zwischen Lerchenweg und Nettoparkplatz (eine Anregung der Bewohner aus der benachbarten Seniorenwohnanlage Gath). Positiv sei auch der geplante Kreisverkehr mit vier Zebrastreifen am Peter-Schmidts-Weg, die geplante neue Verkehrsführung der L7 (Peter-Schmidts-Weg/Bahnhofstraße/Am Stellwerk) sowie Pläne, die dringend benötigte Bedarfsampel in die Bahnhofstraße zu verlegen, um so auch den Mitarbeitern der Mürwiker Werkstätten einen gefahrlosen Weg zur Arbeit und zu ihren Wohnungen zu ermöglichen.

Schwachstellen seien die teilweise fehlerhafte oder fehlende Signalisierung der Treppenstufen (für Sehbehinderte) an der Rückseite des Rathauses, zu den öffentlichen Toiletten im Kellergeschoss des Rathauses und zum Ratskeller sowie die aufgrund der Naturpflasterung schwierige, zeit- und kräftraubende Querung des Rathausplatzes. „Kombinationen von Naturpflaster mit barrierefreien Querungen für diesen Personenkreis sind möglich, ohne den grundsätzlichen Charakter dieses Platzes aufzugeben.“ Als Beispiel nannte er die Stadt Bredstedt.

In einem sehr persönlichen Teil seines Berichtes verdeutlichte Manfred Steffens nachvollziehbar, was ihn bei seinem Engagement motiviere und vorantreibe und dass auch er einen Lernprozess durchlaufen musste. „In meinem Berufsleben war ich sowohl Arbeitnehmer, verantwortlicher Betriebsleiter und auch jahrzehntelang selbstständiger Unternehmer. In über drei Jahrzehnten hat das Aufwachsen unserer von Geburt an geistig behinderten, jüngsten Tochter mit zwei älteren und gesunden Schwestern unser Familienleben bis heute in vielfältiger Weise sehr geprägt, aber auch bereichert.“ Verschiedene ehrenamtliche Engagements in Sonderkindergärten, Sonderschulen, Behindertenvereinen und Werk- und Wohnstätten für Behinderte waren die Folge. Gern habe er sich bereit erklärt, nach Abstimmung mit seiner Familie 2011 sich im Ehrenamt für die Menschen mit Behinderung der Stadt zu engagieren. „Die vielfältigen Arten von Behinderungen lösten bei mir einen umfangreichen Lern- und Erfahrungsprozess aus. Kurz: ,Learning by doing‘ war und ist noch immer angesagt. Vom Asperger- oder Korsakow-Syndrom hatte ich beispielsweise noch nie etwas gehört. Von den SGBs von I bis XII hatte ich zwar gehört, was sich in welchem verbirgt, davon hatte ich wenig Ahnung.“

Viele Fragen seien aufgetaucht: Welche Gebiete der verschiedenen SGBs sind angesprochen, ist es ein Problem, das in den Bereich von Leistungsträgern, Leistungserbringern, Arbeitsrecht, der Agentur für Arbeit, der Sozialzentren, der Berufsgenossenschaften, der Krankenkassen oder der Unfall-Versicherungen fällt? Könnte es auch oder zusätzlich ein soziales, persönliches, familiäres oder gesundheitliches Problem oder eine Mischung aus vielen Dingen sein? „Vor diesen spannenden Fragen stehe ich immer wieder, wenn jemand in meine monatlichen Sprechstunden im Rathaus kommt und das Gespräch mit mir sucht.“ Durchschnittlich sind es drei bis vier Einwohner. Doch damit nicht genug. „Zunehmend laufen auch privat telefonisch und per Mail Anfragen bei mir auf.“ Das setze geduldiges Zuhören, Einfühlungsvermögen, umfangreiches Wissen, ein persönliches Netzwerk und Ausdauer einerseits, ein gehöriges Vertrauen andererseits voraus, und es werde ihm von Menschen, „die ich häufig noch nie gesehen oder gesprochen habe“, entgegengebracht. Steffens sieht sich in dieser Funktion als Lotse, Vermittler, Begleiter auf Zeit oder Wegbereiter. „Verschwiegenheit ist für mich selbstverständlich, weisungsgebunden bin ich nicht.“

Wissenschaftler gehen davon aus, dass etwa zehn Prozent aller Menschen in der Bundesrepublik eine oder mehrere Behinderungen haben, davon sind vier Prozent angeboren. Manfred Steffens: „Auf unsere Stadt runtergerechnet leben etwa 1000 Personen mit Behinderungen. Vielen Menschen mit Behinderung sehen wir eben diese nicht an, gerade die Zahl von psychischen Behinderungen steigt durch wachsende berufliche Belastungen ständig an.“

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