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Kampfkünstler : Master Ding: Ein Londoner in Niebüll

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

„Spaß am Tai Chi Chuan“: Das ist das oberste Motto von Kampfkunst-Meister John Ding. Zu seinem Workshop sind sogar Düsseldorfer nach Niebüll gereist.

shz.de von
erstellt am 05.Aug.2014 | 09:00 Uhr

Sie sind von weit her angereist, sogar aus Düsseldorf sind einige für das Wochenende gekommen, um mit ihm zu trainieren: John Ding, oder besser Master Ding Teah Chean, der eine noch weitere Anreise hinter sich hat. Für den dreitägigen Workshop ist der Londoner mit malayischen Wurzeln als Lehrer nach Niebüll gekommen.

Dutzende Teilnehmer in lockerer Kleidung machen die Turnhalle der Dänischen Schule zu einer „Tai Chi Chuan“-Übungsstätte, wiederholen mit wechselnden Partnern Griffe und Bewegungen. Mittendrin: Der Gast aus London, der aus viel Lächeln und noch mehr Energie zu bestehen scheint. Er spricht nur Englisch – aber seine Botschaften werden von allen verstanden.

„Man muss es fühlen“, sagt Master Ding und gibt eine kleine Demonstration. „Schubs’ mich weg, mit all’ deiner Kraft“, fordert er eine Probandin auf, die noch nie mit dieser Art von Kampfkunst in Berührung gekommen ist. „Warum soll ich diesen netten Mann wegschubsen“, denkt sie sich, während sie ihre Handflächen an seine gelegt hat. Der erste Versuch ist dann auch eher halbherzig.

„Stärker, leg’ mehr Kraft hinein“, ermuntert Master Ding lächelnd. Die Probandin gehorcht, schließlich geht es in dieser Einheit um Verteidigung, da muss es auch einen Angreifer geben. Und plötzlich ist etwas anders: Der Tai-Chi-Chuan-Meister hat seine Stand-Position nicht verändert, scheint sich aber spontan in einen Stein verwandelt zu haben, der beim besten Willen nicht zu verrücken ist. Im Gegenteil, ohne jede Mühe lässt er mit einer minimalen Bewegung die „Angreiferin“, die sich jetzt ein bisschen mehr ins Zeug gelegt hat, nach hinten taumeln.

Tai Chi ist ein Begriff aus der taoistischen Philosophie und bezeichnet wortwörtlich den höchsten, tragenden Balken eines Daches, den Firstbalken. Im übertragenen Sinne meint Tai Chi das höchste, alles tragende Gesetz von Yin und Yang. Chuan heißt wörtlich Faust. Tai Chi Chuan bedeutet also: Mit Hilfe der Faust und den Kampfkünsten das alles durchdringende Gesetz von Yin und Yang zu verwirklichen. „Es geht hier um Energie, um Fluss und Balance, die Einheit von Körper und Geist, nicht um Muskelkraft“, berichtet Master Ding, der seine Einheiten immer mit Meditationseinheiten beginnt. Er nennt Beispiele, um das Prinzip zu veranschaulichen: Der Körper eines Babys sei eher weich, dennoch könne es viel Stärke entwickeln, wenn man versuche, ihm seine Nuckelflasche wegzunehmen. Oder die vielzitierte Mutter, die ein Auto anheben kann, um ihr Kind zu retten. „Wenn man sie nachher fragt, wie sie es geschafft habe, kann sie es nicht erklären.“

Zu viel Nachdenken sei auch beim Tai Chi Chuan hinderlich und blockiere, berichtet Workshop-Teilnehmer Peter Wirth. Mehr als 600 Kilometer hat er zurückgelegt, um beim Workshop mitzumachen. In Düsseldorf leitet er selbst eine Tai-Chi-Chuan-Schule. „Ich fahre pro Jahr mehrmals nach London zum Meister, um mit ihm zu trainieren, so wie Ute auch.“ Die Rede ist von Ute Andresen: Sie leitet das „Gu Dang Center“ in Niebüll, ist seit 2001 autorisierte Lehrerin der „Master Ding Academy“. Auf ihre Einladung hin ist der Londoner schon zum zweiten Mal nach Südtondern gekommen. Gemeinsam mit ihrem großen Vorbild gibt sie den Teilnehmern bei den Partnerübungen Hilfestellung, präsentiert und korrigiert.

Zwischendurch sammeln sich immer wieder alle Workshop-Teilnehmer, um neue Übungen mit John Ding zu erlernen – und zu erleben. Der fordert jetzt die Gruppe auf, nacheinander an sein Handgelenk zu greifen. Die Bewegung, die er macht, ist kaum zu sehen, wohl aber die der „Angreifer“: Mit mehr oder weniger Wucht drehen sich die Teilnehmer von ihm weg, die Überraschung steht den meisten ins Gesicht geschrieben. Was aussieht wie ein etwas seltsamer Tanz, ist Verteidigung: „Er verwirrt die Angreifer“, verrät Peter Wirth. „Und er lenkt die Energie um, darum geht es beim Tai Chi Chuan.“

Früher sei er ein aufbrausender, fast cholerischer Mensch gewesen, sagt Wirth über sich selbst. Durch das Training sei er insgesamt viel gelassener geworden. Ihre Haltung sowie ihre Rückenprobleme hätten sich verbessert, ergänzt Workshop-Teilnehmerin Heidi Heitmann aus Flensburg. Und auch bei verbalen Angriffen seien die Techniken hilfreich: „Man lernt, negative Energien von sich abzuleiten und dabei auch noch zu lächeln.“

Apropos: „Spaß am Tai Chi Chuan“ ist das oberste Motto von John Ding. Nicht nur er selbst, sondern auch die Teilnehmer lachen und lächeln, egal, ob sie Anfänger sind, Fortgeschrittene oder selbst Lehrer. Wie lange muss man trainieren? „Ein Leben lang“, sagt Master Ding, der nach eigener Aussage gerne nach Niebüll gekommen ist: „Hier gibt es viele nette Menschen, und ich bin gerne mit netten Menschen zusammen.“












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