zur Navigation springen

Tschernobyl-Hilfe : „Man macht sich nicht immer beliebt“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

In Reisetagebuch-Auszügen berichtet Frauke Nissen über 20 Jahre ehrenamtliche Arbeit in Weißrussland, Niederlagen und Erfolge

Seit 20 Jahren engagieren sich die Niebüllerin Frauke Nissen (2011 wählten die Leser des Nordfriesland Tageblattes sie zum „Menschen des Jahres“), ihr Mann Paul-Martin sowie viele ehrenamtliche Kräfte in der Tschernobyl-Hilfe für Kinder und Jugendliche in Weißrussland. Sie organisieren Aufenthalte in Südtondern, versorgen Kinder, die von der Atom-Katastrophe 1986 betroffen sind, mit Hörgeräten und gründeten mit Einheimischen die Suppenküche für Kinder und Jugendliche, die aus von Alkohol und Gewalt geprägten Familien kommen. Zu den beeindruckendsten Erlebnissen des abgelaufenen Jubiläums-Jahres zählt für Frauke Nissen ihr einwöchiger Besuch im weißrussischen Minsk und in Kobrin. In Auszügen aus ihrem Reise-Tagebuch berichtet Frauke Nissen von Freude und Ohnmacht, Hoffnung und Zweifeln. Sie zieht Bilanz, und die Zeilen verdeutlichen auch, wie sehr die Hilfe benötigt und gewollt wird.

Freitag, 25.: Morgens um 9 Uhr wurden wir aus unserer Unterkunft abgeholt. An diesem Tag haben wir 40 Kinder untersucht, kontrolliert, Hörgeräte repariert und ausgetauscht oder die Kinder ganz neu versorgt. Martin hat das neue Programm auf die von uns gekauften Computer installiert, damit wir die Geräte der Kinder schneller neu justieren und programmieren können, auf die Schwerhörigkeiten der einzelnen Kinder einstellen können. Nach den Anpassungen hat er mit Tanja die Programmierung der einzelnen Hörgeräte geschult, damit sie diese Aufgabe über das Jahr alleine fortführen kann.

Sonnabend, 26.: Gegen 12 Uhr sind wir mit dem Schulbus von Kobrin nach Pinsk gebracht worden, wo wir sehr herzlich von der Lehrerschaft und den Kindern begrüßt wurden. Zu unserer großen Überraschung hatten sie zum 20-jährigen Projektjubiläum drei große Plakate gemacht und  so einiges drauf geschrieben und gebastelt. Zum Beispiel eine Hand gemalt, auf der „Danke für ein selbstständiges Leben"stand. Darüber haben wir uns sehr gefreut, da in so einem langen Zeitraum immer mal Zweifel aufkommen, welchen Sinn unsere Arbeit für die Kinder und deren Entwicklung hat.

 Um 16 Uhr hatten wir ein Treffen mit den Suppenküchen-Kindern zu einem gemeinsamen Essen, das natürlich viel zu kurz war, um auf die einzelnen Probleme eingehen zu können. Im Anschluss haben wir uns mit den Frauen der Schwesternschaft – Irena, Nattalie, Gallina, Alla und der Dolmetscherin Vallentina – und Victor in den von uns neu angemieteten Räumen der Suppenküche getroffen und Pläne für das neue Jahr geschmiedet.

Montag, 28.: Die Arbeit in der Schule Pinsk begann um 9 Uhr mit einem Gespräch im Kabinett  bei der Direktorin. Um 14 Uhr wurden wir dann zu einem Festakt anlässlich der 20 Jahre Tschernobyl-Hilfe  in die Aula gebeten. Es gab Ansprachen, musikalische und Tanz-Vorführung der Kinder. Das regionale Fernsehen war da und hat Interviews mit uns gemacht, was dann abends im Fernsehen gezeigt wurde. Es wurden Urkunden vom Stadtpräsidenten überreicht. Zur großen Freude hat auch endlich Irena in dieser Feierstunde ihre Anerkennung und Wertschätzung bekommen für das, was sie in den 20 Jahren geleistet hat und dass sie es war, die das Projekt mit uns aus der Taufe gehoben hat.

Während einer Versammlung wurden wir von 40 Eltern empfangen. Sie bekundeten uns eine große Dankbarkeit, dass ihre Kinder mit Hilfe der Geräte selbst bestimmt ihren Weg haben gehen können, Technikerausbildung gemacht haben, studieren oder Lehren absolviert haben. Eine ganz besondere Frage stand über allem. Wir möchten ihnen doch erzählen, warum wir jetzt seit 20 Jahren ihren Kindern, also wildfremden Menschen, diese Hilfe zukommen lassen. Für diese Eltern war es ein unbegreiflicher Akt der Nächstenliebe und konnten es nicht fassen, dass Menschen dazu bereit sind. Wir haben es ihnen auch erklärt, dass wir das nur leisten können, weil es in Deutschland unwahrscheinlich viele Menschen gibt, die uns mit ihren Taten und mit Spenden unterstützen.

Dienstag, 29.: Um 14 Uhr wurde ich von Irena und Gallina abgeholt, um Familien zu besuchen, damit ich mir ein Bild machen kann, in welchen Verhältnissen die Kinder leben, wenn wir nicht immer wieder eine Möglichkeit finden, sie weiter zu unterstützen. Wir besuchten vier Familien. Zuerst die vier Kinder, die nach dem letzten Ferienaufenthalt in Niebüll gleich in ein Waisenhaus gebracht wurden, weil die Mutter nichts mehr von ihnen wissen will und der Vater für mehrere Jahre ins Gefängnis muss. Sie machten aber trotz der Situation einen guten und fröhlichen Eindruck, was sicherlich dadurch gefördert wurde, regelmäßig zu Essen, ein sauberes Zuhause, keine Gewalt und freundliche Betreuerinnen zu haben. Beim Besuch zweier weiterer Kinder hat mich der Zustand der Mutter zutiefst erschüttert, die Alkoholikerin ist und sich um die Kinder nicht kümmert. Die Hilfe von Irena und ihren Helfern für die Kinder der Suppenküche ist lebensnotwendig. Sie ist auch Hoffnung und Perspektive für die Zukunft.Durch die Besuche der Kinder in deren Familien war ich emotional ziemlich fertig und musste erst einmal für mich allein sein. Als wir um 17.30 zurück in der Schule waren, hatten wir ein Treffen mit Jugendlichen, die wir vor etwa 20 Jahren in Niebüll versorgt haben. Es war eine für uns eine sehr emotionale und positive Stunde der Dankbarkeit auf beiden Seiten. Auch die Kinder wollten wissen, warum wir so etwas machen. Das gibt uns Antrieb, weiter zu machen.

Mittwoch, 30.: Fazit: Wir hatten das Gefühl, dass unsere Arbeit das 1 Mal seit 20 Jahren wirklich gewürdigt wurde und uns von der Lehrerschaft, Eltern, Kindern und sogar von höheren amtlichen Stellen in Belarus, Achtung und Respekt gezollt wurde. Man macht sich nicht immer beliebt, aber es ist immer wichtig, Klartext zu sprechen. Wir hoffen , dass wir auch für 2016 genügend Helfer bekommen um das leisten zu können.

Unterstützung für die Tschernobyl-Hilfe der Niko Nissen Stiftung: Volksbank Niebüll, Konto-Nr. 785 62 02, Bankleitzahl: 217 635 42

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen