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Kritik : Lexgaard wird von Windkraft-Riesen eingekreist

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Bürger der 57-Seelen-Gemeinde stehen den Ausweitungsplänen benachbarter Windparks sowie der dichten Bebauung rund um ihr Dorf kritisch gegenüber.

Vor 20 Jahren beschloss die kleine Gemeinde Lexgaard – aktuell hat sie 57 Einwohner – bewusst, auf ihrem Areal keine Windkrafteignungsflächen auszuweisen. Genützt hat es ihr nichts. Wenn die derzeitigen Pläne, so wie sie während der jüngsten Gemeindeversammlung vorgetragen wurden, vom Land genehmigt und den Windparkbetreibern umgesetzt werden sollten, wird Lexgaard künftig halbkreisförmig von Windkraftanlagen umringt werden. Und das hat mehrere Gründe: Der Windpark Braderup-Tinningstedt möchte seine Aktivitäten auch auf Lexgaarder Gebiet ausweiten. Sechs Windkraftanlagen stehen bereits, sechs weitere sind geplant – möglich gemacht durch eine Änderung der Abstandsregelung. Auch von Karlumer und Ladelunder Seite droht Ähnliches. Im Lexgaarder Ortsteil Remp sind Abwägungsflächen für Windkraftanlagen ebenfalls vorgesehen.

Und auch auf Lexgaarder Gebiet soll nun doch eine Windkraftanlage auf einem verpachteten Grundstück entstehen. Für die Errichtung einer Windmühle auf der Fläche wurde bei der jüngsten Gemeindeversammlung Zustimmung erzielt. Die Entscheidung fiel mit 19 Stimmen dafür bei 16 Gegenstimmen. Damit aber, so befürchten die Einwohner Jens Küddelsmann und Gerhard Tobiesen, Bürgermeister Gerhard Hoffmann und Landwirt Peter Hoffmann, könnte das Tor für weitere Bebauungen aufgestoßen sein. Mit den befürchteten Folgen – Verschlechterung der Lebensqualität, Ende der Ruhe, Wertverlust bei den Immobilien und radikale Veränderung des Umfeldes – müssten dann alle Bewohner und ihre Nachkommen leben. Und das wollen die Vier stellvertretend für alle Gegner nicht hinnehmen.

Bei einer Infoveranstaltung über die Ausweitung des Windparks Braderup-Tinningstedt anlässlich der Gemeindeversammlung seien zu viele Informationen auf die Einwohner eingeprasselt, der Fokus zu sehr auf die Vergütung gelegt worden, beklagen sie. „Es ging eigentlich nur ums Geld“, sagt Gerhard Hoffmann. „Verdienen ist ja schön und gut, aber trotzdem muss der weitere Zubau von Windkraftanlagen nicht hingenommen werden. Irgendwann muss Schluss sein.“

Landwirt Peter Hoffmann hat es vorgemacht. Er ist einer der größten Landeigentümer in Lexgaard, könnte mit dem Verpachten seiner Ländereien an den Bürgerwindpark viel Geld machen. „Aber ich möchte es nicht“, erklärt er. Einmal allerdings ist er schwach geworden – und bereut es bis heute. 2013 verpachtete er 25 Hektar, die sich nicht vollständig auf Lexgaarder Gebiet befinden, an den Bürgerwindpark Braderup-Tinningstedt. „Damals war noch von der Errichtung zweier Anlagen die Rede“, sagt er. Doch dann kam eine Änderung der Abstandsregelung, und nun sind bereits vier geplant. „Das wird mir zu viel“, sagt er. Handhabe dagegen hat er keine. Denn aus dem Nutzungsvertrag, er gilt für 20 Jahre – die Zeit entspricht dem Förderzeitraum pro Anlage und der durchschnittlichen Lebensdauer eines Windrades – komme er nicht mehr heraus. Und freiwillig werde man von den Plänen nicht abrücken. Zu lukrativ sind die Einspeisevergütungen.

Auch andere Lexgaarder nutzen jetzt die Chance und wollen gerne verpachten, erklärt Jens Küddelsmann und ärgert sich, dass alle Bürger, auch neu hinzuziehende, dies mittragen müssten. „Eine große Zahl der Bewohner Lexgaards sieht die Ausweitung der Windeignungsflächen mit neuen Anlagen, die Geräuschentwicklung und Schlagschatten der rund 180 Meter hohen Anlagen (115 Meter Nabenhöhe plus 65 Meter Flügellänge) bei entsprechenden Sonnenständen sowie den zu erwartenden Wertverlust ihrer Immobilien als Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität an“, sagt Küddelsmann – und hat dies auch so in einem Brief an den Ministerpräsidenten Torsten Albig vermerkt.

Wie kam es aber zu dem Abstimmungsergebnis bei der Versammlung? Die Zahl derjenigen, die den Mut haben, ihre Meinung offen auszusprechen, sei eher gering, hat Jens Küddelsmann beobachtet. Er ist selber in einem Dorf aufgewachsen und kann es ein Stück nachvollziehen. „Man will es sich nicht mit den Nachbarn verderben. Die Kinder gehen gemeinsam zur Schule, spielen miteinander, man trifft sich und will das alles nicht aufs Spiel setzen.“ Eine geheime Abstimmung aber sei in einer Bürgerversammlung nicht möglich, ergänzt Bürgermeister Hoffmann. Am schlimmsten empfindet es das Gemeindeoberhaupt, wenn mit den Ängsten der Bewohner gespielt, mit seltsamen Argumenten Druck gemacht werde. „Eine Gemeinde ohne Windkraft verarme, Kinder könnten nicht mehr zur Schule geschickt werden, es gebe keine Einnahmen aus der Gewerbesteuer – das alles wurde uns erzählt.“ „Dabei verbleiben von den Steuern ohnehin nur 20 Prozent bei den Kommunen, und sogar die Schlüsselzuweisungen entfallen“, weiß Gerhard Tobiesen.

Irritiert sind die vier Bürger auch davon, dass bei der Ausweisung von Windeignungsflächen die Naturschutzbelange, die sich mit dem Vorkommen von Uhu, Wiesenweihe, Kranich und Fledermäusen beschäftigen, nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig wie das Biotop-Verbandsystem Karlumer Au Dreiharder Gotteskoogstrom. Auch darauf haben sie in ihrem Brief an den Ministerpräsidenten hingewiesen.

Die Planungshoheit liegt seit der Entscheidung durch das Oberverwaltungsgericht Schleswig beim Land Schleswig-Holstein. Die Kommunen wurden herausgenommen. „Die Gemeinden haben früher über die Beantragung von Windkrafteignungsflächen entschieden, sind aber jetzt raus“, bedauert auch Bürgermeister Gerhard Hoffmann. Die Windpark-Lobby sei stark und wolle, solange das Erneuerbare-Energien-Gesetz noch in seiner derzeitigen Form bestehe und hohe Profite verspreche, ihre Chancen nutzen.

Um an weitere Flächen zu gelangen, gibt es praktisch keine Tabus. So wurden in der Vergangenheit auch Häuser aufgekauft, um sie abzureißen und so mehr Fläche zu erhalten. Für die Zeit ab 2017 hat die Bundesregierung Änderungen beschlossen, will den Zubau an Land begrenzen, die Vergütung nach dem EEG verringern und den Bau von Windparks ausschreiben. Doch bis dahin wird weitergebaut.

„Wir sind nicht gegen regenerative Energien“, macht Jens Küddelsmann deutlich. „Aber es muss doch möglich sein, diese zu dichte Bebauung mit Windkraftanlagen zu vermeiden. Wir sind keine Befürworter von Atomkraft, aber es gibt mit Sicherheit Gemeinden, die gerne Windkraftanlagen auf ihrem Gebiet haben möchten.“ Eines weiß er aus beruflicher Erfahrung: „Die derzeitige Klimaänderung ist auch ein von menschlichen Aktivitäten verursachter, langwieriger Prozess.“ Aber Fehler aus der Vergangenheit könnten nicht innerhalb von zehn oder zwanzig Jahren rückgängig gemacht werden. Das dauere Jahrhunderte oder Jahrtausende. Wichtiger sei es, Kohlenstoffdioxid-Senken zu schaffen, die riesige Mengen aufnehmen und in Sauerstoff umwandeln könnten. Und das seien die Meere sowie die Wälder. „Ein Hektar Wald bindet jährlich zwischen drei bis fünf Tonnen Kohlendioxid.“

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erstellt am 29.Mär.2016 | 06:30 Uhr

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