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Nordfriesland Tageblatt

20. August 2017 | 15:40 Uhr

Lebensqualität dritter Klasse?

vom

19 000 Menschen arbeiten in Nordfriesland für Niedriglöhne - wären es 8,50 Euro, würde die Kaufkraft um 42,4 Millionen Euro jährlich steigen

Nordfriesland | Im Job alles geben - und trotzdem wenig dafür bekommen: Im Kreis Nordfriesland arbeiten rund 19 000 Menschen für einen Niedriglohn. Sie verdienen weniger als 8,50 Euro pro Stunde. Das ist das Ergebnis einer Studie des Pestel-Instituts in Hannover. Die Wissenschaftler haben darüber hinaus untersucht, welche positiven Effekte ein gesetzlicher Mindestlohn für die heimische Wirtschaft hätte: "Die Kaufkraft im Kreis Nordfriesland würde um 42,4 Millionen Euro pro Jahr steigen. Vorausgesetzt, jeder Beschäftigte verdient künftig mindestens 8,50 Euro pro Stunde", sagt Matthias Günther vom Pestel-Institut. Der Leiter der Mindestlohn-Studie erwartet, dass der Zuwachs an Kaufkraft nahezu eins zu eins in den Konsum gehen würde. Für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sind diese Ergebnisse ein klares Argument für die sofortige Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes von 8,50 Euro.

Verdi und NGG hatten diese Untersuchung in Auftrag gegeben. "Wer den ganzen Tag arbeitet, muss mit dem, was er verdient, auch klarkommen können. Das klappt aber nicht, wenn Dumpinglöhne gezahlt werden. Und ein Dumpinglohn ist alles unter 8,50 Euro pro Stunde", betont der Geschäftsführer des Verdi-Bezirks Westküste, Jürgen Reimer. Niedriglöhner seien gezwungen, kürzer zu treten und Verzicht zu üben. "Sie können am Leben nicht richtig teilnehmen. Das fängt schon beim Bus- und Bahnticket an. Für Ausflüge und selbst für Verwandtenbesuche reicht das Geld oft nicht - genauso wie fürs Kino oder Schwimmbad", weiß Reimer. Ein Niedriglohn bedeute automatisch "eine Lebensqualität dritter Klasse".

Das zeige sich ganz besonders beim Einkauf: "Wer von einem Niedriglohn lebt, für den sind die Käse- und die Frischfleischtheke im Supermarkt tabu. Bei Lebensmitteln kommen dann nur Sonderangebote und Billigprodukte in Frage. Am besten reduzierte Ware: Zweite-Wahl-Produkte oder Sachen kurz vor dem Ablaufdatum. Geringverdiener sind gezwungen, jeden Cent zweimal umzudrehen", erklärt der Geschäftsführer der NGG-Region Schleswig-Holstein Nord, Finn Petersen.

DGB, Verdi und NGG werfen Lohndumping-Arbeitgebern vor, sie würden sich ihre "Geiz-Löhne" vom Steuerzahler subventionieren lassen. "Nämlich dann, wenn Menschen einen sozialversicherungspflichtigen Teilzeit- oder Vollzeitjob haben, aber so wenig verdienen, dass der Staat mit Hartz IV drauflegen muss. Das ist subventioniertes Lohndumping. Solche Arbeitgeber sind schlichtweg unanständig", nimmt Finn Petersen kein Blatt vor den Mund.

Heftige Kritik üben die Gewerkschafter an der Bundesregierung: "CDU/CSU und FDP sind die Mindestlohn-Bremsen. Die Wahrheit ist, beide - Union und Liberale - wollen keinen einheitlichen, gesetzlichen Mindestlohn. Vor der Bundestagswahl nicht. Und nach der Bundestagswahl erst recht nicht", ärgert sich Jürgen Reimer. Das von Teilen der schwarz-gelben Koalition geforderte Modell, für unterschiedliche Regionen und unterschiedliche Branchen unterschiedliche Mindestlöhne einzuführen, sei eine "Farce und von vornherein zum Scheitern verurteilt". Dies komme einem "Lohn-Flickenteppich" gleich und sei "reine Augenwischerei".

"Kein Mensch wird eine Republik der 1000 Mindestlöhne je überblicken, geschweige denn kontrollieren können. Ganz abgesehen davon, dass viele Unternehmer nicht einmal bereit sein werden, sich mit den Gewerkschaften an einen regionalen Verhandlungstisch zu setzen", ergänzt Finn Petersen. Damit sei klar, dass dies sogar zu einem "Mindestlohn-Flickenteppich mit vielen Löchern" führen werde.

Wer im Kreis Nordfriesland zu einem Niedriglohn arbeiten muss, sollte dies, so Reimer und Petersen, online beim Dumpinglohnmelder (www.dumpinglohnmelder. de) anzeigen. Die Gewerkschaften planen, noch vor der Bundestagswahl die "Deutschland-Billiglohn-Landkarte" zu vervollständigen.

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erstellt am 02.Aug.2013 | 03:59 Uhr

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