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Nordfriesland Tageblatt

16. Dezember 2017 | 03:00 Uhr

Lebensfreude statt Pillen-Flut

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Medikamente lindern Leiden und sind ein Segen – können aber fatale Nebenwirkungen haben: Darüber referierte Dr. Ludolf Matthiesen in Niebüll

von
erstellt am 18.Feb.2014 | 11:50 Uhr

Medikamente lindern Leiden und können ein Segen sein. Doch zu viel des Guten ist keineswegs immer das Gute. Das erfuhren Mitglieder des Landfrauenvereins Niebüll vom Internisten und Chefarzt der Geriatrie in Husum und Niebüll Dr. Ludolf Matthiesen. Mit dem Thema „Medikamente im Alter“ wog er auf ebenso informative wie unterhaltsame Weise Nutzen und Nachteile gegen einander ab und riet dazu, die vom Mediziner verordnete Medikation kritisch zu hinterfragen und vor allem wachsam zu sein.

Ludolf Matthiesen, Nordfriese, früher Fußballer bei Rotweiß, zunächst Heilpraktiker und erst dann Mediziner, stellte die nach Husum im Juni 2012 in der Niebüller Klinik in Betrieb genommene geriatrische Abteilung vor – mit 21 stationären Betten, 12 Tagesplätzen und derzeit 90 Patienten. „Ältere Menschen brauchen eine andere Medizin“, kam er „in medias res“ und erklärte, sie diene der Vermeidung von Behinderung und wirke dem Verlust von Selbständigkeit entgegen. „Aber wir machen auch keinen gesund, wollen aber seine Rückkehr nach Hause. Wer zu uns kommt, sollte nach drei Tagen auf den Beinen und nach 14 Tagen daheim sein.“

Aber Achtung: Je älter, desto mehr Pillen. Matthiesen stieß damit das Problem der „Krankheit auf Rezept“ an – und vor allem der Nebenwirkungen, durch die Patienten in der Klinik landen.

Bevor ein Medikament auf den Markt kommt und ein Riesengeschäft wird, durchläuft es über mehrere Jahre hinweg mit seinen Substanzen einen „enterohepatischen Kreislauf“, bis es als getestet gilt. Doch eine Pille sollte altersgemäß eingenommen werden: zunächst in kleiner, danach in höherer Dosis. Ein 80-Jähriger hat in der Regel drei Grundkrankheiten und schluckt täglich pro Krankheit 3,5 Tabletten – zusammen 10,5. Die Tablette als Frühstück? Es gibt zurzeit 55 000 zugelassene Medikamente in Deutschland, die die Krankenkassen jährlich mit 30 Milliarden Euro belasten. 57 000 Menschen sterben jährlich an Nebenwirkungen.

Bei „multimorbiden“ Patienten kommt einiges zusammen, wie Matthiesen am Beispiel des vermeintlich kernigen Pellwormers Fiete zeigte, der für seine Leiden acht verschiedene Fachärzte bemühen muss. Man könne dem Problem der Übermedikation durchaus entgegen wirken. Der Arzt nannte richtige Ernährung und viel Bewegung, weniger Tabletten nehmen und Notwendiges von Überflüssigem trennen. Er bat zu bedenken, dass sich Medikamente oft zu fatalen Nebenwirkungen addieren können. Matthiesen bezeichnete den Hausarzt als die wichtigste Anlaufstation und Schnittstelle für Problemlösungen. Für nicht schwere Erkrankungen können alt hergebrachte Hausmittel durchaus eine Lösung sein.

Dr. Matthiesen zog ein Fazit: Medikamente lindern Leiden und sind ein Segen. Medikamente haben Nebenwirkungen. Für die Medikation im Alter fehlen Studien – und eine altersspezifische Liste. Jeder Mensch ist anders. Das allerbeste Medikament? Der Arzt listete außer der Vorbeugung, Bewegung und gesunden Ernährung auch die Freude und den Spaß am Leben auf, außer der Entspannung auch die Spannung, stete Neugierde, eine dauerhafte Liebe sowie sich auch mal Saus und Braus zu gönnen.


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