Ärzte in Südtondern : Lange Wartezeiten für Patienten

Dr. Jon-Marten Heisler, der in Leck eine  Augenärztliche Praxis führt, berichtet, dass heute mehr Patienten in seine Sprechstunden strömen.
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Dr. Jon-Marten Heisler, der in Leck eine  Augenärztliche Praxis führt, berichtet, dass heute mehr Patienten in seine Sprechstunden strömen.

Mit Hausärzten sind die Südtonderaner relativ gut versorgt. Anders sieht das bei den Fachärzten aus.

shz.de von
11. Januar 2018, 06:00 Uhr

Niebüll | Wer hustet, Bluthochdruck hat oder sich impfen lassen möchte, der hat in Südtondern gute Chancen darauf, dass seine Leiden schnell gelindert werden: Die Versorgung mit Hausärzten ist im Amtsgebiet im Vergleich zu anderen Gebieten in Schleswig-Holstein relativ gut. Anders sieht das bei den Fachärzten aus. Wer einen Termin beim Gynäkologen, einem Augenarzt oder dem Kinderarzt braucht, muss teilweise mehr als ein Jahr ausharren oder in vollen Wartezimmern sitzen.

55,75 ärztliche Stellen in der ambulanten medizinischen Versorgung (siehe Grafik) gibt es in Südtondern laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV). Dazu zählen neben den Hausärzten, die den größten Anteil ausmachen, auch die Fachärzte – Zahnärzte sind nicht berücksichtigt. Sie alle verteilen sich auf acht der insgesamt 30 Gemeinden.

39 374 Menschen leben im rund 594 Quadratkilometer großen Amtsgebiet. „Der Ärztebedarf richtet sich nach der Zahl der Einwohner in einem Planungsbereich“, erläutert Marco Dethlefsen, Sprecher der KV in Schleswig-Holstein, die gesetzlichen Vorgaben. Bei den Hausärzten ist diese Planung über die sogenannten Mittelbereiche geregelt, bei Fachärzten sind es die Kreise. Das Gesetz sieht vor, dass ein Hausarzt im Durchschnitt in der Regel 1671 Einwohner versorgen soll.

„Der Versorgungsgrad im Mittelbereich Niebüll – der das Amtsgebiet Südtondern umfasst – liegt aktuell bei 106,6 Prozent. Das bedeutet, dass eine zusätzliche hausärztliche Stelle in dem Gebiet ausgeschrieben ist“, sagt der Sprecher. Neuzulassungen sind dann verfügbar, wenn die Dichte einer Fachgruppe mehr als 110 Prozent erreicht, sagt Dethlefsen. Wegen Überversorgung gilt ab dann ein Zulassungsstopp für Ärzte, die sich neu niederlassen wollen oder angestellt werden.

Südtondern steht nach dieser Rechnung mit seiner Hausärzte-Zahl relativ gut da: Im Vergleich dazu liegt der Mittelbereich Husum mit einem Versorgungsgrad von 87,7 Prozent – das sind 42 Hausarzt-Stellen – weit unter dem angestrebten Wert von 110 Prozent (wir berichteten).

Mit Blick in die Zukunft zeigen sich aber auch Mediziner in Südtondern skeptisch: „Zur Zeit ist die Versorgung mit Hausärzten ausreichend, die Frage ist nur, wie lange das noch so bleibt, schon in fünf Jahren könnte das ganz anders sein und ähnliche Verhältnisse wie in Husum entstehen“, sagt Dr. Thorsten Uhe , der gemeinsam mit seiner Frau eine Hausarztpraxis in Humptrup sowie in Westerland betreibt. Viele seiner Kollegen seien jetzt über 60 und brauchten demnächst

Nachfolger. Diese zu finden, ist jedoch nicht leicht. Uhe weiß das aus eigener Erfahrung. Seit 2013 sucht er einen geeigneten angestellten Mediziner für seine Praxis in Humptrup; bisher ohne Erfolg. Neben der Angst vor dem finanziellen Scheitern schrecke junge Ärzte auch die Verantwortung ab, die mit einer Praxis-Übernahme einhergeht. „Es spitzt sich allmählich zu, noch ist kein Versorgungsproblem da, aber das kann sich schnell ändern“, sagt der Arzt.

Dass zwar derzeit kein Mangel zu spüren ist, ein Engpass aber droht, sobald „einige ihre Praxen aufgeben und keinen Nachfolger finden“, vermutet auch die Mitarbeiterin in der Praxis von Udo Schröder in Leck.

Ein Defizit spüren einige Fachärzte hier bereits jetzt. Die Wartezeiten auf einen Termin in einer der drei gynäkologischen Praxen Südtonderns sind erschütternd: „Der nächste freie Termin, den wir für eine routinemäßige Vorsorge anbieten können, ist im März 2019“, sagt Carsten Meyer, Gynäkologe aus Niebüll. Grund für diese lange Wartezeit sei jedoch nicht unbedingt, dass es zu wenige Frauenärzte in Südtondern gibt, sondern dass viele Patientinnen auch mit Beschwerden zu ihm in die Praxis kommen, für die zum Teil kein Fachmann konsultiert werden muss. Nach Hause schicken würden er und Dagmar Sowa, mit der er die Praxis leitet, aber niemanden.

Bei den anderen beiden Niebüller Gynäkologen sieht es etwas entspannter aus, selbst wenn auch hier die Wartezimmer oft gut gefüllt sind. „Wir haben einen Vorlauf von rund drei Monaten“, sagt eine Mitarbeiterin der Praxis von Dr. Sabine Menke. Auch einige Sylterinnen lassen sich hier behandeln. In der Praxis von Katja Trahn dauert es ähnlich lange, ehe man an die Reihe kommt. „Ich denke, wir haben definitiv einen Ärztemangel, egal ob es um Haus, oder Fachärzte geht“, sagt eine Sprechstundenhilfe.

Dass heute mehr Patienten in die Sprechstunden strömen, berichtet auch Dr. Jon-Marten Heisler, der in Leck eine Augenärztliche Praxis führt. „Wir merken, dass der Bedarf gestiegen ist, die Menschen kommen mit anderen Problemen zu uns als noch vor einigen Jahren.“ Die 70- und 80-Jährigen wollen heute im Alter besser sehen, sie haben andere Ansprüche, um ihre Lebensqualität zu verbessern. Klar ist für ihn, dass an der Westküste Ärzte fehlen. „Wir haben hier ein riesiges Problem“, sagt der Experte. Um dieses zu beheben, will Heisler jetzt dafür sorgen, dass gut ausgebildete, junge Ärzte nach Südtondern kommen. Ende des Jahres will er, gemeinsam mit anderen, ein Ärztehaus in Leck eröffnen.

Leere Behandlungszimmer gibt es auch in der einzigen Kinderarztpraxis Südtonderns nicht: „Wir sind ziemlich voll – besonders jetzt in der Grippezeit, wenn viele Akutpatienten kommen“, heißt es aus der Praxis. Über ein spezielles System können die Eltern sich jedoch schon vorab für Vorsorgetermine anmelden und so lästige Wartezeiten vermeiden.

Den Patienten bleibt nur: Rechtzeitig einen Termin zu vereinbaren und bei akuten Beschwerden auf das Umland auszuweichen.

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