Kultur : Kunstwerke einer eigensinnigen Hand

Viele Werke von Volker Lehnert hängen aktuell im Richard Haizmann Museum bei Uwe Haupenthal
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Viele Werke von Volker Lehnert hängen aktuell im Richard Haizmann Museum bei Uwe Haupenthal

Die Ausstellung „Geläufiges Gelände. Kritzelbarock“ von Volker Lehnert ist eine echte Herausforderung für die Kunstfreunde.

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23. März 2017, 16:18 Uhr

Das Richard Haizmann Museum in Niebüll war am Freitagabend das Ziel der nordfriesischen Kunstszene, der Titel „Geläufiges Gelände. Kritzelbarock“ machte neugierig und sorgte wieder einmal für ein volles Haus. Museumsdirektor Dr. Uwe Haupenthal präsentierte Volker Lehnert in gewohnt kenntnisreichen Worten. Das überbordende zeichnerische Werk des Kunstprofessors aus Stuttgart lockte schon vor Beginn der Rede die Kunstfans ganz nah heran an die Bilder. „Es gibt so viel zu entdecken“, staunten die meisten. Sie wanderten geplagt von Neugier und Interesse von Zeichnung zu Zeichnung. Der Museumsdirektor sah es mit Wohlgefallen und begann erst später mit seiner Rede, die gleich auch für die Besucher eine Richtlinie vorgab.

„Was vor allem zählt, ist das konkrete Seherlebnis vor Ort und die daraus erwachsende Erfahrung des Zeichnens als ein augengesteuertes künstlerisches Tun. Beides geschieht aus inniger und zeitintensiver Anteilnahme und könnte niemals durch ein schnell gemachtes Foto ersetzt werden“, erläuterte Haupenthal. Da gebe es stürzende Linien aus angenommener Vogelperspektive wie eine monumentalisierende Untersicht, wobei eine gesehene Architektur nicht selten in eine mehr oder weniger freie zeichnerische Struktur überzugehen scheine. Mit anderen Worten: Volker Lehnert gönnt sich eine große Freiheit, wenn er auf den zentralen Plätzen der bekannten Städte Europas sitzt und zeichnet – wie einst die Meister im Mittelalter. Doch der Künstler belässt es nicht bei Architekturstudien des Barock. Er findet weiche, wolkenartige Übermalungen, comicartige Zitate schleichen sich ein, Graffiti-Elemente tauchen auf und überraschen den Betrachter. Hier und da ein frecher Mini-Akt, dort ein wiederkehrendes Symbol. „Das Collage-Prinzip“, so Haupenthal weiter, „die Montage verschiedener Motive, birgt die konzeptuell tragende Bildidee.“ Dem Zeichner geht es dabei stets um eine „innere Richtigkeit“ im Bildaufbau.

Volker Lehnert hat viele Eindrücke gesammelt, ist seit 35 Jahren unterwegs, mal mit seiner Gattin, mal mit Studenten; er hat über zweieinhalbtausend Blätter gestaltet. „In seine Zeichnungen sind Erfahrungen eingeflossen, und sie üben, von gegensätzlichen, unvereinbaren und auseinander driftenden Polen einen unwiderstehlich starken Sog aus“, sagte Haupenthal abschließend voller Begeisterung, „Es ist, als öffne Pandora ihre Büchse. Die Kunst lässt sich vermeintlich für einen Augenblick in die Karten schauen – ungeordnet, in fortgesetzten Wirbeln, subjektiv, willkürlich, lebendig, atemlos, ohne wirkliche Kontrolle.“

Seine Zeichen-Hand schätzt Volker Lehnert selbst als eigensinniges Organ, das mal mutig, mal zögerlich, mal tastend, mal zupackend arbeitet. „Dieser Eigensinn ist wichtig. Wo er fehlt, kommen Korrektheit und Fleiß zustande. Mehr aber auch nicht.“

Die Ausstellung ist bis zum 7. Mai zu sehen (Karfreitag, Ostersonntag; Ostermontag und 1. Mai geöffnet.





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