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Nordfriesland Tageblatt

22. November 2017 | 14:11 Uhr

Kümmerer kämpfen um Ansehen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Für die Gemeindeschwestern von heute gibt es viele Aufgaben – doch häufig mangelt es an Anerkennung für ihren sozialen Einsatz

shz.de von
erstellt am 05.Mai.2017 | 11:18 Uhr

Sie schließen nicht nur die Lücke, die in den Dörfern durch den Wegfall der Gemeindeschwestern klafft. Sie bieten zum Teil Ersatz für die Großfamilie, in der immer weniger ältere Menschen auf dem Land umsorgt werden. Sie sind auch Wegweiser im Bürokratie-Dschungel für so wichtige Themen wie Pflege, Grundsicherung, Demenz oder Patientenverfügung. Die Rede ist von den Gemeinde-Kümmerern. Dieser noch junge, befristete Job wurde von den Gemeinden zusammen mit dem Kreis im Rahmen des Projekts „Generationen handeln“ als Ergebnis einer Studie zur Daseinsvorsorge entwickelt. Vor welchen Herausforderungen diese Ansprechpartner für schwierige Lebenslagen stehen, wurde während eines Treffens der Westküsten-Kümmerer in Dagebüll deutlich.

Von ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Auffassungen von ihrer Aufgabe und der Wertschätzung ihrer Arbeit berichten die drei Gemeindekümmerer aus Südtondern. In Achtrup ist die Kümmerin schon wieder Vergangenheit. Zum 1. Mai lief der vor einem Jahr um ein weiters Jahr verlängerte Vertrag mit Iris Petersen aus und wurde auf Beschluss der Gemeindevertretung nicht verlängert. Begründung: Der Bedarf für eine Kümmerin sei nicht so groß wie zunächst vermutet wurde. Darüber kann Iris Petersen nur den Kopf schütteln. „Ich habe mich als Schwiegertochter für ein ganzes Dorf verstanden. Mein Fehler war, dass ich meine Arbeit nicht deutlich genug sichtbar gemacht habe“, sagt Iris Petersen. Für das Ausfüllen von Formularen und Anträgen sei sie häufig angefragt worden. „Für mich ist kümmern auch eine Frage der Qualität. Für einige wenige Einwohner war meine Unterstützung wichtig“, berichtet Iris Petersen. Ein Gemeindearbeiter habe den Vorteil, dass jeder sehe, wenn der Rasen gemäht ist. „Die Arbeit der Kümmerer bleibt dagegen meist im Verborgenen“, sagt sie. Zumal diese zur Verschwiegenheit verpflichtet seien.

Bewusst auf Präsenz achtet Mike Breuer, Gemeinde-Kümmerer in Enge-Sande. Er besucht regelmäßig den Bürgermeister und kommunale Sitzungen, stellt sich bei den Vereinen vor und hat über sich und seine Aufgaben als Kümmerer einen Flyer erstellt. „Ich möchte mich nicht nur auf Senioren konzentrieren, sondern Ansprechpartner für alle Altersgruppen sein. Zum Beispiel brauchen auch viele alleinerziehende Mütter Unterstützung bei Formularen oder der Vermittlung von Hilfsangeboten“, sagt Breuer, der über das Kümmer-Telefon rund um die Uhr erreichbar ist.

„Das könnte ich gar nicht leisten“, sagt Luise Block, die gastgebende Kümmerin aus Dagebüll. In ihrer weitläufigen Gemeinde, zu der auch die Ortsteile Fahretoft und Waygaard zählen, leiste sie viele Hausbesuche und nutze ihren beruflichen Erfahrungsschatz oft für Anträge zur Pflege oder das Ausfüllen von Patientenverfügungen. „Ich möchte mich für mehr Lebensqualität für alle Bewohner einsetzen“, betont die gelernte Altenpflegerin, die hauptberuflich im Kirchenbüro arbeitet. Sei es durch die gewünschte Öffnung des Gemeindehauses, Begegnungsangebote für Jung und Alt, Kooperationen mit den Vereinen, die Einführung eines Bürgerbusses oder die Organisation eines schönen Dia-Vortrags bei selbstgebackenem Kuchen. Die sechs dafür vereinbarten Wochenstunden reichen meist nicht aus.

Deutlich komfortabler sieht die Lage in Bredstedt aus. Dort gibt es eine hauptamtliche Kümmerer-Stelle, durch die sich der Tondern-Treff zum Anlaufpunkt und zu einem Begegnungszentrum für ältere Mitbürger entwickelt habe. Zwei Mitarbeiterinnen des Treffs, Dörte Stöber und Margret Werth, berichteten von vielen positiven Erfahrungen des Kümmerer-Projektes, das in Bredstedt am 1. Januar 2016 gestartet wurde. In das von der Stadt getragene Projekt mit einem Volumen von 144  000 Euro fließen Fördergelder von 50  000 Euro, die durch die Aktivregion Nordfriesland Nord nach Bredstedt geholt werden konnten. Die zuständige Regionalmanagerin Carla Kresel moderierte denn auch das Treffen der Kümmerer. „Das ist ein so junger Beruf, selbst viele Gemeindevertreter wissen nicht genau, welche Möglichkeiten und Chancen er bietet“, lautet ein Fazit des Treffens von Carla Kresel. Eine Stellenbeschreibung durch die Gemeinde oder zumindest die Formulierung der wichtigsten Aufgaben würde den Kümmerern ihre Arbeit und deren Wertschätzung deutlich erleichtern. Eine weitere Erkenntnis lautet: Kümmerer brauchen einen Raum für feste Sprechstunden und vereinbarte Termine, der wirke wie ein Motor für die Akzeptanz und Annahme der Kümmerer-Arbeit, bestätigen die beiden Vertreterinnen des Tondern-Treffs in Bredstedt. „Immerhin“, so Luise Block, „hat unser Bürgermeister während des Neujahrsempfangs gesagt, dass ich einen guten Job mache.“ 

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