1.Mai in Husum : Krawalle überschatten Kundgebung

Der Spuk ist vorbei: Der Großteil der friedlichen Kundgebungsbesucher kam erst, nachdem die Randalierer schon abgezogen waren.  Foto: Henner Heinrichs
Der Spuk ist vorbei: Der Großteil der friedlichen Kundgebungsbesucher kam erst, nachdem die Randalierer schon abgezogen waren. Foto: Henner Heinrichs

Neonazis nutzen friedliche Mai-Veranstaltung für gewalttätige Übergriffe / Klaus Kasparek vom DGB-Kreisverband kritisierte Gesundheitswesen

Avatar_shz von
01. Mai 2011, 07:28 Uhr

Husum | Noch ganz unter dem Eindruck der gewaltsamen Übergriffe stand gestern die Mai-Kundgebung des DGB in Husum. Eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung hatten - für die Anwesenden völlig überraschend - in schwarz gekleidete und teils vermummte Neonazis Infostände umgeworfen. Dabei griff einer der Randalierer nach Zeugenberichten einen Vertreter der Linkspartei an und verletzten diesen am Auge.
Unterversorgung: "Ein gefühlter Mangel"
Entsetzt über den Vorfall versuchte Klaus Kasparek vom DGB-Kreisverband Nordfriesland, nach einer Verurteilung des Geschehenen zum eigentlichen Anlass der Kundgebung zurückzufinden. In seiner Rede unter dem Motto, "Das ist das Mindeste - faire Löhne, gute Arbeit, soziale Sicherheit", kritisierte Kasparek vorwiegend die Probleme im Gesundheitswesen. "Es verkommt immer mehr zu einem gesundheitlichen Resteverwertungssystem." Pflichtversicherte müssten monatelang auf einen Arzttermin warten. "Das ganze Geschehen um einen Praxis-Termin setzt natürlich voraus, dass man eine Praxis gefunden hat, die nicht wegen Überalterung oder Ärztemangel geschlossen ist." Die ärztliche Unterversorgung in Nordfriesland sei ein gefühlter Mangel. Trotz aller Klagen gäbe es genug Mediziner. "Der kleine Unterschied aber liegt darin, es gibt nicht genug Ärzte für alle." Privatversicherte Patienten erführen bevorzugte Behandlung. Dabei habe die Zahl der Kassenärzte in den vergangenen Jahren um 40 Prozent zugenommen. "Es ist das ärztliche Honorarsystem, das den Wahnsinn der Überversorgung mögliche macht", kritisierte er. Die Leistungen für Kassenpatienten seien stark reglementiert. Die wohlhabenden Privatpatienten aber wohnten mehrheitlich in Hamburg, nicht im Husumer Umland oder Südtondern. So fordere der DGB ein Solidarsystem für alle, alle Bürger unter das Dach der gesetzlichen Krankenkassen sowie die Ausweitung der Bemessungsgrundlagen. "Wer mehr hat, muss auch mehr zahlen", rief Klaus Kasparek den Anwesenden zu. Ein Muss sei auch die vollständige paritätische Beitragsfinanzierung durch die Arbeitgeber.
Forderung: Faire Löhne und mehr Gerechtigkeit
Die Opfer der Arbeitnehmer und das Engagement der Gewerkschaften hätten maßgeblich mit dafür gesorgt, das Deutschland die Talsohle der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise überwunden hat, machte Stephanie Schmoliner vom IG Metall-Bezirk Küste deutlich. Der gerechte Anteil des Aufschwungs aber sei bei den Arbeitnehmern nicht angekommen. Deshalb fordere die Gewerkschaft faire Löhne. Sie kritisierte die zunehmende Zahl der Leiharbeiter und Zeitverträge, die nur dem Profit der Unternehmen dienten. "Kein Dauereinsatz in Leiharbeit, das ist Ausbeutung", wetterte Schmoliner. Sie kritisierte die nach wie vor ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen und die seit Beginn des Jahrtausends real gesunkenen Löhne. Tarifpolitik sei das wichtigste Instrument zur Umsetzung von Arbeitnehmerinteressen. Neben mehr Chancengleichheit im Bildungssystem müsse für ein gerechteres System der Finanzierung für Aus- und Weiterbildung geschaffen werden.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen