Schleswig-Holstein-Musikfestival : Konzert lud zum Träumen ein

Edin Karamazov nimmt den Schlussapplaus entgegen. Foto: Ulrich Jeß
Edin Karamazov nimmt den Schlussapplaus entgegen. Foto: Ulrich Jeß

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08. August 2008, 06:47 Uhr

Niebüll | "Musik kommt aus der Stille und führt dahin zurück." Dieses Credo des bosnischen Künstlers Edin Karamazov, eines der herausragenden Lautenisten und Gitarristen unserer Zeit, veranschaulichte dieser in überzeugender Weise in der bis auf den letzten Platz besetzten Niebüller Christus-Kirche. Dort gestaltete er im Rahmen des "Schleswig-Holstein Musik Festivals" unter dem Motto "Made in Silence" ein Konzert der in mehrfacher Hinsicht besonderen Art.

Zum einen präsentierte er sich als Instrumentalist, dessen Spiel- und Gestaltungskunst seinem Publikum schier den Atem verschlug. Zum anderen ging er das Wagnis ein, in ständigem Wechsel einigen streng kontrapunktisch gesetzten Werken des wohl bedeutendsten Meisters der Barockzeit, Johann Sebastian Bach, zeitgenössische Kompositionen des 1939 in Havanna geborenen Kubaners Leo Bouwers gegenüber zu stellen. Dessen für die klassische Gitarre geschriebene folkloristische Impressionen, stilvolle Tongemälde, interpretierte er - im Einvernehmen mit dem Komponisten - auf einer modernen elektrisch verstärkten Gitarre ("E-Gitarre").
Sprung zwischen zwei Welten
Bei der Wiedergabe der ausgewählten Bearbeitungen Bachscher Werke griff Edin Karamazov zu einem Nachbau einer historischen deutschen Theorben-Laute, einer 14 Saiten umfassenden "Erzlaute", die sechs Griff- und acht frei schwingende Saiten umfasst. Karamazov musste bei seinem Musizieren also nicht nur ständig zwischen zwei grundverschiedenen musikalischen Welten gedanklich hin und her springen, sondern sich von Beitrag zu Beitrag auch spieltechnisch auf das jeweils andere Instrument neu einstellen. Er meisterte diese Probleme - ohne für seine Zuhörer erkennbare Probleme - ganz souverän.

Bevor der erste Akkord erklungen war, hatte Pastorin Simone Schulze-Kösterke als Hausherrin den Künstler und sein Publikum willkommen geheißen und allen gedankt, die zum Zustandekommen des Konzertes beigetragen hatten. Ihre im Auftrage Karamazovs vorgetragene Bitte, mit dem Beifall bis zum Ende der Darbietungen zu warten, wurde diszipliniert befolgt, wenngleich es vielen Konzert-Gästen schwer gefallen sein mag, am Ende einer bravourösen Leistung des Ausnahme-Künstlers nicht spontan zu applaudieren.
Natur musikalisch erleben
Von Leo Brouwer brachte Edin Karamazov die Verklanglichung je einer kubanischen Landschaft "mit Regen", "mit Glocken" und "mit Rumba" zu Gehör, also eine Programmmusik, deren Titel bereits die Hör-Perspektiven aufzeigten. Die Kompositionen wirkten wie improvisiert und ließen die Zuhörer in träumerischer Weise quasi die Natur nacherleben. Bei zwei der "Landschaften", deren Darstellung für vier Gitarren konzipiert ist, bediente der Interpret sich tontechnischer Hilfe, indem er zu seinen live gespielten Klängen von ihm selbst vorproduzierte Stimmen einblendete. Darauf, dass bei der "Landschaft mit Regen" auch gegen die Fenster des Niebüller Gotteshauses heftiger Regen prasselte, reagierten viele Zuhörer mit Schmunzeln.

Von Johann Sebastian Bach spielte Karamazov eine vom Interpreten in genialer Weise für die Laute eingerichtete Version der berühmten "Chaconne" aus der Partita d-moll für Solovioline (BWV 1004). Später folgten "Präludium, Fuge und Allegro Es-Dur (BWV 998), ein Werk, das Bach für das Lauten-Register eines Cembalos schrieb, und eine Bearbeitung des heute vermutlich meistgepielten sakralen Orgelwerks: der J.S. Bach zugeschriebenen "Toccata und Fuge d-moll" (BWV565), die dem Lautenisten eine an die Grenzen des Spielbaren führende Virtuosität abverlangte. Als Zugabe brachte der Künstler eine dreisätzige "Sonata" des um 1650 in Rom geborenen Komponisten Giovanni Zamboni.

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