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Umstrukturierung : Klinikpläne stoßen auf heftige Kritik

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Niebülls Bürgermeister und auch Südtonderns Amtsvorsteher bemängeln die vom Kreis geplanten Umstrukturierungen

von
erstellt am 08.Nov.2015 | 11:48 Uhr

Im Klinikum Niebüll sollen die geriatrischen Angebote ausgebaut, die gynäkologische Abteilung mit der Geburtshilfe allerdings – wie schon in der Inselklinik Föhr-Amrum in Wyk – geschlossen werden. Gleiches gilt für die HNO-Abteilung. So jedenfalls lauten die Handlungsempfehlungen des Diplom-Kaufmanns Karl-Heinz Vorwig an den Kreis Nordfriesland (wir berichteten). Erhalten werden sollen an dem 124-Betten-Standort eine innere Abteilung mit Ergänzung durch ein medizinisches Versorgungszentrum in Kooperation mit der Diako Flensburg. Und: Die Niebüller Chirurgie soll in eine Tageschirurgie umgewandelt werden. Hintergrund für dieses „Rettungskonzept“, mit der „auch in Zukunft flächendeckend eine qualitativ hochwertige medizinische Grund- und Regelversorgung für Nordfriesland sichergestellt werden soll“, sind die anhaltenden Millionen-Verluste, mit denen sich das Klinikum Nordfriesland (hierzu gehören auch die Häuser in Tönning, Husum und Wyk) seit Jahren herumplagt. Der Kreistag in Husum wird sich am 11. Dezember mit den Vorschlägen auseinandersetzen – und dann entscheiden.

Was bedeuten diese Empfehlungen für die Häuser und die Patienten in Südtondern? Welche Auswirkungen haben die geplanten Änderungen in der Notfallbereitschaft? Und ist die Schließung der genannten Stationen nur der Anfang?

Hans-Martin Slopianka, Pressesprecher des Trägers Kreis Nordfriesland, erklärt zum Aspekt geplante Schließung der Geburtenstation: „Es ist noch nichts beschlossen. Die Entscheidung, wo sie entbinden, liegt bei den Frauen. Das NF-Klinikum muss sich anpassen. Und diese Anpassung soll in Husum vorgenommen werden. Geplant ist, das Klinikum hier personell aufzustocken. Natürlich tritt es in einen Wettbewerb mit Flensburg ein, aber das geht in Ordnung. Es wäre für Südtondern eine höchst unangenehme Situation, die Geburtenhilfe nicht mehr vor Ort zu haben, aber die Sicherheit von Frauen und Kinder ist oberstes Gebot. Die Vorgabe seitens der Dachorganisation sagt, dass die größte Sicherheit für Mutter und Kind an größeren Abteilungen mit 600 bis 800 Geburten gegeben seien – durch mehr Fachpersonal und eine größere Anzahl an Ärzten. Ein Beispiel: Kommt es in kleineren Abteilungen zu Komplikationen, so besteht die Möglichkeit, dass die Familien in ihrer Verzweifelung Krankenhäuser oder Ärzte verklagen. Ein Richter schaut auf die Erfahrungswerte im Bundesgebiet und könnte zu dem Schluss kommen, dass in kleineren Abteilungen fahrlässig gehandelt worden sei. In Niebüll gibt es derzeit 250 Geburten jährlich, und daran haben auch die Schließungen der Abteilungen auf Sylt und Föhr nichts geändert. Aber wie anfangs gesagt: Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen, es muss alles bewertet werden. Derzeit beschäftigen sich die Ausschüsse mit dem Thema, der Plan sieht vor, dass sich der Kreistag am 11. Dezember dann mit den Handlungsempfehlungen beschäftigt. Verzögerungen könnten allerdings dazu führen, dass sich dieser Termin auf den Januar oder Februar verschiebt.

Niebülls Bürgermeister Wilfried Bockholt warnt vor übereilten Entscheidungen: „Die von Herrn Vorwig formulierten Handlungsempfehlungen würden, wenn sie denn vom einzigen Gesellschafter, dem Kreis Nordfriesland, so umgesetzt werden, eine massive Veränderung des klinischen Angebotes für den gesamten Nordteil des Kreises Nordfriesland inklusive der angebundenen Inseln und Halligen mit ihren rund 65  000 Einwohnern bedeuten. Die Patientenmathematik ,Streiche Niebüll und füge Husum hinzu‘ wird nicht aufgehen. Ich gehe bei einer Realisierung von einer klinischen Grundorientierung der Region gen Flensburg aus. Das große Wort unseres Kreises Nordfriesland von ,Region schafft Zukunft‘ wird bei einer solchen Veränderung wie sie angedacht und kommuniziert wird, zur Farce. Was in der Zeitung stand, ist ja nicht alles, was im Kreistag ausgeführt wurde. Schon im Gespräch auf der Straße ist beispielsweise, dass auch über eine Einschränkung der 24-Stunden-Notfallbereitschaft der Klinik Niebüll nachgedacht wird. Für mich untragbar! Bei allen Erfordernissen einer Wirtschaftlichkeit auch im Gesundheitswesen, inklusive Anerkenntnis, dass zum Beispiel das Fallpauschalensystem und die Maßgaben der Kassen vor Ort fast nicht beeinflussbare Größen sind, fehlt mir in der aktuellen Krisendiskussion auch nur eine Aussage, welche Vorstellung der Kreistag, die politische Selbstverwaltung unseres Kreises, hinsichtlich gleichwertiger Lebensverhältnisse und Versorgungsangebote im ganzen Kreisgebiet hat. Der Zeitplan des Kreises ist ambitioniert und macht mir Sorgen. Sorge, dass über Hektik und Zeitdruck falsche Entscheidungen getroffen werden. Die wir für meinen Eindruck und mit Blick auf die schleichende Demontage des klinischen Angebotes in Niebüll nun wirklich nicht mehr gebrauchen können. Wir stehen im Gespräch mit dem Kreis, Termine sind vereinbart. Auch wir vor Ort sind genauso überrascht, wie zum Beispiel die Beschäftigten im Haus, da der Bürgervorsteher und ich wie auch der Amtsvorsteher und Amtsdirektor zu dem Vortrag von Herrn Vorwig im Kreistag am Montag eingeladen waren. Bedauerlich finde ich in dem ganzen Drama, dass der Krankenhausträger seine Beschäftigten offenbar nicht vor der Sitzung des Kreistages als Gesellschafterversammlung und der anschließenden Pressekonferenz informiert hat. Die Presse vom Dienstag brachte es an den Tag. Das muss der Träger sich aber selbst zuschreiben.“

Auch für Amtsvorsteher Peter Ewaldsen steht fest: „Das geht überhaupt nicht, das ist unmöglich. Erst kürlich wurden die Geburtenstationen auf Föhr und in Westerland geschlossen und nun auch noch Niebüll? Auf der medizinischen Landkarte würde durch eine solche Entscheidung ein weißer Fleck entstehen. In dem ehemaligen Amtsgebiet mit Föhr und Sylt zusammengerechnet leben etwa 70  000 Menschen, für die es in unmittelbarer Nähe dann keine Geburtshilfe mehr gibt – das geht nicht. Wir werden alles erdenkliche dafür tun, um das zu verhindern. Der Kreis hat die Verpflichtung zur Daseinsvorsorge. Eine Schließung der gynäkologischen Abteilung mit der Geburtshilfe wäre der Einstieg in einen weiteren Rückbau. Schon in der Vergangenheit wurde alles, was sich irgendwie als gewinnträchtig erwies, nach Husum abgezogen. Was uns nun am Ende droht, ist ein modernes Altenheim. Wir können eine Sicherstellung erwarten. Wir erwarten andere Vorschläge vom Kreis und, dass er sich um bessere Wege bemüht. Sollte das nicht funktionieren, gibt es Menschen, die bessere Lösungen haben. Das Modell, wie es jetzt angedacht ist, kann so nicht zum Tragen kommen. Nicht umsonst verfügen wir hier am Klinikum über eine gute Helikopter-Anbindung. Wir werden jetzt die Zeit für Gespräche nutzen. Ziel ist es, die Geburtenstation in Niebüll zu erhalten.

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