zur Navigation springen
Nordfriesland Tageblatt

18. Oktober 2017 | 21:32 Uhr

Straßenzustand : Kleinste Risse werden sichtbar

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Ein mit Kameras und Scannern gespicktes Spezial-Messfahrzeug erfasst in Niebüll Daten für ein Straßenzustandskataster

von
erstellt am 14.Apr.2015 | 08:00 Uhr

Hätte es nicht die orangefarbene Lackierung und die Rundumleuchten, würde das Spezialfahrzeug, mit dem Hermann Beuchel unterwegs ist, bedrohlich auf jeden Beobachter wirken. Die Aufbauten des etwa 3,5 Tonnen wiegenden Transporters sind gespickt mit Kameras, einem Scanner, seltsamen Antennen, seitlich ist etwa in Kniehöhe ein breiter Kasten angebracht. Das Messfahrzeug „S.T.I.E.R“ ist ein durch die Bundesanstalt für Straßenwesen zertifiziertes System zur Erfassung der Längsebenheit, Querebenheit, 3D-Oberflächen und des Oberflächenbilds von Straßen und Verkehrsflächen. „Bundesweit gibt es etwa nur sechs bis sieben davon“, überlegt Hermann Beuchel. Der freundliche 61-Jährige arbeitet seit neun Jahren als Vermessungs-Ingenieur bei der Firma Lehmann & Partner GmbH in Erfurt und ist – alleine – mit dem Messfahrzeug unterwegs. Die Stadt Niebüll hat das Unternehmen mit der Erstellung eines Straßenzustandskatasters beauftragt. Hierbei werden vorher abgestimmte Straßenzüge per Kamerawagen befahren und anschließend der Zustand der Straßen ausgewertet. „Die Daten gehen an das Amt, werden in das Kataster eingepflegt und stehen der Stadt zur Verfügung“, erklärt Arne Ebberg vom Amt Südtondern. „Diese Untersuchungen sind Grundlagen für ein Sanierungs-Konzept.“

Wie haltbar ist eine Straße? Wo sind Bodenwellen, Spurrinnen, Risse oder Löcher vorhanden? Um das erkennen zu können, reicht das bloße Auge nicht aus. 77 Straßen mit einer Gesamtlänge von 26 Kilometern fährt Hermann Beuchel in Niebüll ab. Dafür stehen ihm allerlei Systeme zur Verfügung. In einem Kasten am Heck in 2,90 Metern Höhe beispielsweise ist ein augensicherer Laserscanner des Frauenhofer (IPM)-Instituts untergebracht. Er tastet die Straßen mit 600 Herz in einer Breite von vier Metern ab, nimmt 3D-Oberflächen auf.

Fünf Einzelbildkameras, zwei Oberflächenkameras (1920x1080 Pixel, schwarz/weiß), nehmen unabhängig vom Sonnenlicht nach jedem gefahrenen Meter ein Bild der Straßenoberfläche auf. Das geschieht kontinuierlich, unabhängig von der Geschwindigkeit. Die Erfassungsbreite beträgt 4,60 Meter. Risse mit einer Breite von 0,5 Millimetern werden erkannt. „Später werden die Aufnahmen zu Zehn-Meter-Bildern zusammengesetzt“, erklärt Hermann Beuchel. Vier große Scheinwerfer am Heck sorgen dafür, dass die Aufnahmen auch bei Schattenwurf und schlechten Lichtverhältnissen gelingen. Die vier Videokameras werden nur bei Autobahnfahrten eingesetzt.

Der in Bodennähe rechts am Fahrzeug angebrachte Kasten, der „Balken“, enthält vier Laser, die in einem bestimmten Abstand die Erdoberfläche mit einer Abtastrate von 20 kHz abtasten. Sie dienen der Erfassung von Wellenlängen ab fünf Millimetern, der Berechnung von Texturgrößen und der Erfassung des „wahren“ Höhenprofils.

Der Innenraum des „S.T.I.E.R“ ist vollgestopft mit Elektronik. Deshalb gibt es hier einen Generator. Hermann Beuchel: „Die Blitzlampen am Heck verbrauchen sehr viel Strom.“ Zehn Computer sind hier installiert– und natürlich eine Klimaanlage. Alle Daten werden von einem Informationssystem gespeichert und später in Erfurt ausgewertet. „Die Berechnung der Längs- und Querebenheit erfolgt automatisch.“ Hermann Beuchel ist immer zehn Tage hintereinander im Einsatz, in Deutschland, aber auch in Österreich und in der Schweiz. „Zehn Tage unterwegs, nach jedem Meter ein Oberflächenbild, dazu die Autobahnfahrten.“ Da kommt eine riesige Datenmenge zusammen. „Ich habe 1,8 Terrabit-Platten dabei“, sagt Hermann Beuchel. 20 Platten sind es insgesamt. „Bei Autobahnfahrten brauche ich die auch.“

Ob alles funktioniert – das kann der Spezialist am Monitor erkennen. Zwei Rechner stehen im Fond des Fahrzeuges, einen Monitor hat er am Fahrerplatz. Grüne Balken signalisieren: alles OK, rote Balken warnen vor einer Fehlfunktion. An Hand einer elektronischen Karte erkennt er, welche Straßen schon abgefahren sind (dunkelblau) und welche er noch nach hat (hellblau). Auch erkennt er, ob die Aufnahmen gut genug sind. Gibt es Situationen, die störend sind? „Ja, Regen ist schlecht, Kopfsteinpflaster, und unter parkenden Autos können wir natürlich nicht messen.“ Hier wird dann gerechnet.

Sein entferntestes Einsatzgebiet war übrigens 2014 der westafrikanische Staat Benin. „Wir mussten mit zehn Helfern einen Jeep bestücken.“ Die Umrüstung des Fahrzeuges, das Schweißen eines Aufbaus – weil die Messgeräte auch hier die richtige Höhe haben mussten – und das Verkabeln haben vier Tage gedauert, der eigentliche Einsatz vier Stunden. Die Messstrecke umfasste gerade einmal 150 Kilometer. „Hin und zurück“, fügt Hermann Beuchel lachend an.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen