Kinder und Jugendliche trauern anders

stb-trauer87

Die geschulten Begleiter des Wilhelminenhospizes helfen Heranwachsenden, mit dem Tod eines geliebten Menschen fertig zu werden

von
28. Mai 2015, 10:38 Uhr

„Der Tod kommt irgendwann in unser Leben, aber meist in einem späteren Abschnitt, so ab 40“, sagt Mareike Borchardt. Seit Jahresbeginn bietet die Sozialpädagogin gemeinsam mit der Erzieherin Heike Behrens-Schulz sowie ehrenamtliche Mitarbeitern im Wilhelminen-Hospiz eine Kinder- und Jugendtrauerbegleitung an. Sie liefern Unterstützung und Beratung für junge Trauernde sowie deren Familien, geben Hilfestellungen bei Fragen von Angehörigen und pädagogischem Fachpersonal und ermöglichen einen persönlichen Abschied in Form einer Einzelbegleitung. Ansprechpartner sind auch Jutta Siebertz, die im Wilhelminen-Hospiz das monatliche Trauercafé leitet, sowie Hospiz-Geschäftsführerin Christel Tychsen.

„Wir meinen immer, wir müssen Kinder und Jugendliche besonders schützen“, sagt Mareike Borchardt. Das sei bei der Verarbeitung von Trauer nur bedingt von Vorteil. „Sie haben ein Recht darauf zu erfahren, was Sache ist. Denn nicht durchlebte Trauer macht krank.“ Schlimm sei es, wenn sie „ins Schwimmen geraten“. Im Zeitalter der Massenmedien spielt der Tod eine wichtige Rolle. Kinder und Jugendliche verarbeiten ihre Trauer anders als Erwachsene. Den Verlust eines Menschen setzen Kinder häufig mit dem Verlust eines verstorbenen Haustiers gleich. „Der Trauerprozess ist ähnlich. Es kommt ja nicht wieder.“ Wichtig sei es, Heranwachsenden, gleich welchen Alters, den Trauerprozess zuzutrauen, ihnen Unterstützung anzubieten, um Spätfolgen zu verhindern.

„Kinder leben in der Gegenwart und gehen anders mit der Trauer um“, sagt Mareike Borchardt. „Sie fragen beispielsweise: Wo ist Opa jetzt? Aber anschließend gehen sie wieder spielen.“ Wie aber erklärt man seinem Nachwuchs, dass der Großvater gerade verstorben ist? „He is dotbleben“ sei eine häufig benutzte, direkte Form, aber sie sei sicher nicht die schönste, so Mareike Borchardt, eher Ergebnis einer weit verbreiteten Hilflosigkeit, die Erwachsene, ebenfalls in der Phase der Trauer, befällt. „Wir Erwachsene haben Angst vor dem Tod, wissen nicht, was kommt“, erklärt die Sozialpädagogin. „Daher stülpen wir den Kindern häufig etwas über, obwohl sie doch so schön frei und unvoreingenommen sind. Kinder aber möchten anfassen, offen mit dem Tod umgehen.“

Gemeinsam mit den Eltern, Erziehungsberechtigten sowie den Kindern wollen die ausgebildeten Trauerbegleiter einen richtigen Weg finden. „Gefühle sollen einen möglichst großen Raum haben“, sagt Borchardt. Dabei ist zu bedenken: „Kinder drücken ihre Trauer weniger durch Sprache als über nonverbvale Ausdrucksweisen aus. Wir wollen mit ihnen schöne Rituale zu finden, die auf die jeweilige Kind- und Familiensituation abgestimmt werden.“ Denn: Nichts ist so, wie es vorher einmal war. Kinder und Jugendliche finden eine völlig veränderte Familien-Situation vor. Zunächst gehe es darum, zuzuhören und den Hilfesuchenden zur Seite zu stehen. Das kann bei Kindern- und Jugendlichen durch lesen, malen, reden oder auch spazieren gehen unterstützt werden. „Aber es läuft grundsätzlich nichts ohne Absprache mit den Familien.“

Die Trauerarbeit sei schon aus dem Grunde wichtig, damit es, insbesondere bei den Jugendlichen, nicht zu einer Hinderung des Ablöseprozesses von den Eltern („Wer kümmert sich nach dem Tod des Vaters um Mama?“) komme, macht Mareike Borchardt deutlich. Bisher hat das Team positive Rückmeldungen. „Das Angebot wird in der Region sehr gut angenommen.“

Geschaffen wurden zwei Stellen, unterstützt wird deren Arbeit durch ehrenamtliche Mitarbeiter, Gelder steuert die „Aktion Mensch“ bei. Das Wilhelminen-Hospiz hatte seinerzeit ein Konzept für Kinder- und Jugendtrauerarbeit entwickelt und sich beworben. „Die Laufzeit der Förderung dauert zweieinhalb Jahre, aber auch danach läuft das Projekt weiter.“

Wer das Angebot in Anspruch nehmen möchte – und aufgerufen sind auch junge Erwachsene über 18 Jahren – meldet sich unter einer der unten aufgeführten Telefonnummern oder E-Mail-Adressen. „Wir gucken, wo der Bedarf für eine Einzelbegleitung ist, später sind auch Gruppen-Gespräche möglich.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen