Gefährdeter Bestand : Kiebitze vom Aussterben bedroht

Bildschön aber bedroht: Der Kiebitz findet im Norden immer weniger Lebensraum.
Bildschön aber bedroht: Der Kiebitz findet im Norden immer weniger Lebensraum.

Noch vor rund 50 Jahren war der Wiesenvogel ein häufiger Gast in Südtondern – heute fehlen ihm Nahrung und Brutflächen.

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21. März 2018, 22:01 Uhr

Südtondern | Sobald es im März nicht mehr friert, ist der Kiebitz auf Brutplatzsuche und auch auf den Wiesen im Norden Nordfrieslands zu sehen. Früher war er ein häufiger Gast, aber der Bestand des Kiebitzes hat in Schleswig-Holstein um rund 50 Prozent abgenommen. Der Vogel ist vom Aussterben bedroht: Nur noch 80 000 Brutpaare werden derzeit in Deutschland vermutet. Besonders bitter: Gerade am vergangenen Wochenende sind etliche Zugvögel auf ihrem Weg in den Norden in Hessen verendet, darunter wurden allein über tausend Kiebitze im Fuldatal gezählt. Die niedrigen Temperaturen und der eisige Wind haben die Vögel stark geschwächt, hinzu kommt, dass sie im gefrorenen Boden keine Nahrung finden. Umso wichtiger ist es, dass möglichst viele der bedrohten Vogelpaare Nachwuchs bekommen. Aber die Brut der meist monogam lebenden Vögel ist oft nicht von Erfolg gekrönt.

„Die Vögel finden heute kaum noch Brutplätze und noch weniger Nahrung“, weiß die Galmsbüllerin Irmtraut Clausen vom Nabu zu berichten. Die Böden der Wiesen sind zu verdichtet, so dass sich kaum noch Regenwürmer herausziehen lassen. Zudem minimieren die von der Landwirtschaft intensiv genutzten Flächen den Bereich der Brutstätten. Der Kiebitz bevorzugt offenes, flaches und feuchtes Dauergrünland, Wiesen, Weiden und Überschwemmungsflächen.

„Die Drainagen auf den Feldern, die Düngung und natürlich auch das frühe Mähen bedrohen die Bruterfolge der Kiebitze und anderer Bodenbrüter“, sagt auch Wolfgang Stapelfeldt vom Kreisbauernverband Südtondern. Er weist jedoch darauf hin, dass die Naturschutzflächen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen haben: 15 Prozent der Landesfläche in Schleswig-Holstein sei als Naturschutzfläche vorgeschrieben, davon gebe es derzeit 13 Prozent, sagt Wolfgang Stapelfeldt. „In Schleswig-Holstein wird bereits viel für den Naturschutz getan, auch wir Landwirte tun sehr viel dafür. Aber wir verlieren immer mehr Fläche, die als Ausgleichsfläche genutzt wird. Ich sehe die Landwirte da eindeutig in der Klemme, denn wir produzieren Nahrung und können uns nicht vorrangig um den Naturschutz kümmern“, so Stapelfeldt weiter. Der Kiebitz müsse sich auf den für Wiesenvögel bereitgestellten Flächen aufhalten, nicht auf den landwirtschaftlichen Feldern.

Zum Teil arbeiten Landwirte mit Naturschützern zusammen, um vor der Mahd eventuelle Gelege von Bodenbrütern mit Stöcken zu kennzeichnen und drum herum zu mähen, sagt Wolfgang Stapelfeldt. Eine solche Zusammenarbeit ist Irmtraut Clausen vom Nabu Niebüll derzeit nicht bekannt, sie weiß allerdings vom Projekt des Naturschutzbundes (siehe Infokasten). „Wir beißen uns an den Landwirten die Zähne aus“, berichtet die Naturschützerin und fügt hinzu: „Wir müssen einen gemeinsamen Weg finden, um wieder Platz für die Wiesenvögel zu schaffen, denn der Rückgang der Vögel ist deutlich und besorgniserregend“, sagt Irmtraud Clausen. Zwar habe man gerade im Herbst, wenn die Vögel sich sammeln, den Eindruck, dass es noch einige von ihnen gebe, aber da Kiebitze sehr alt werden und eine regionale Verbundenheit besitzen, täusche dieser Eindruck.

Einen Versuch, Landwirtschaft und Vogelschutz unter einen Hut zu bringen, unternimmt derzeit die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein. Unter dem Projektnamen „Wiedingharder Weideland“, das im Jahr 2005 eingerichtet wurde, wird eine Fläche von insgesamt 440 Hektar im Bereich Gotteskoogsee betreut, 65 Hektar davon werden durch die Stiftung selber bewirtschaftet und zudem zum Teil an Landwirte verpachtet. Einer dieser Pächter ist Oke Lorenzen, der seinen Betrieb vor Kurzem auf biologische Landwirtschaft umgestellt hat. „Als Biolandwirt bekommt man vom Staat ganz andere Förderungen und kann die Dinge dadurch auch anders betrachten“, berichtet er. Dadurch, dass das Stiftungsland nicht gedüngt oder gespritzt werden darf, ist es günstiger in der Pacht, als konventionelle Ackerflächen. „Das passt genau zu den Regeln für mich als biologischen Landwirt.“

Es werde zudem gern gesehen, wenn um Bodengelege bei der Bewirtschaftung ein Bogen gemacht wird. „Es gibt aber nicht den guten und den schlechten Landwirt“, fügt Oke Lorenzen an, „die Bedingungen sind einfach anders. In der konventionellen Landwirtschaft ist man auf jeden Zentimeter Ackerfläche angewiesen, damit am Ende das Geld reicht.“

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