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Nordfriesland Tageblatt

18. August 2017 | 05:17 Uhr

Nolde als Marke : Keine brotlose Kunst

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Mit modernen Marketingstrategien sollen mehr Nordfriesen auf den Geschmack der Nolde-Kunst gebracht werden

Es ist nicht die erste Kultureinrichtung, die sich die Frage stellt, wie der zunehmenden Museumsträgheit der Menschen entgegengewirkt werden kann. Und ganz gewiss ist sie auch nicht die einzige Einrichtung, die dabei die Lösung in neuen Marketingstrategien sieht. Überall zeigen sich die Museen kreativ, um für Besucher wieder attraktiver zu werden. Rabatte, Events oder Give-aways – kaum etwas, was nicht schon ausprobiert wurde. Aber ein Brot, gab es das schon?

Mit einem eher ungewöhnlichen Produkt an einem eher ungewöhnlichen Ort macht die Nolde Stiftung auf ihre Ausstellung in Seebüll aufmerksam. „Noldes Liebling“ soll Interessierte auf den Geschmack für einen Museumsbesuch bringen. Noch bis Ende April wird in den Filialen eines regionalen Bäckers das Brot mit einer von der Stiftung selbstgestalteten Brottüte angeboten, auf der sich ein 2-für-1-Eintrittsgutschein fürs Museum findet.

Noch ungewöhnlicher ist aber die Zielgruppe, die mit dieser Kooperation angesprochen werden soll. „Gemacht ist die Idee für diejenigen, die sonst nicht viel mit Nolde am Hut haben“, sagt Dr. Christian Ring. Und er meint die Nordfriesen.

Der Direktor, der seit fünf Jahren die Einrichtung führt, bedauert, dass viele Einheimische bestenfalls „einmal im Leben in Seebüll gewesen sind, aber gar nicht wissen, dass sich die Ausstellung jedes Jahr komplett ändert.“ Auch Kuratorin Caroline Dieterich wundert sich, dass sie Hiesigen häufig erklären müsse, wo denn genau das Museum eigentlich liege. Die Brottüte, markant mit den Farben Pink und Gelb gestaltet, könne bei den Nordfriesen den vor 60 Jahren verstorbenen Maler wieder ins Gedächtnis rufen: Ach ja, da war doch was, der Nolde. Fahren wir am Wochenende da doch einmal hin!

Und wer erst einmal nach Seebüll kommt, soll dort auch länger bleiben. Dr. Christian Ring setzt dafür auf einen „Erlebnisbesuch“. Die Zeiten sind vorbei, in der Bilder an der Wand genügten, um Kunstfreunde zufriedenzustellen. Die Generation Deutschstunde (in Anspielung an den Siegfried-Lenz-Roman „Deutschstunde“, in dem Emil Nolde als Vorbild für die Hauptfigur diente) war noch genügsam, sagt Ring. Betagt, wie die Vertreter dieser Generation mittlerweile nun einmal sind, ist ihnen der Weg nach Seebüll inzwischen jedoch zu beschwerlich. Das Museum richtet sich folglich verstärkt auf Familien aus. Vater, Mutter, Kind und vielleicht noch die Oma – für jeden soll etwas dabei. „Mehr als ein Museum“ lautet deshalb der neue Slogan der Kultureinrichtung. Und geboten wird tatsächlich mehr. Schon seit ein paar Jahren ist der Garten des Expressionisten durch einen Pflanzenverkauf ergänzt. Angeboten werden Kräuter und Blumen – inklusive Noldes Signatur auf dem Untertopf.

Auch beim Museumsshop gibt es Veränderungen. Früher bestand das Sortiment hauptsächlich aus Postkarten, Ausstellungskatalogen und Postern, heute zusätzlich auch aus Geschenkideen. Ob hausgemachte Marmelade oder Dahlienblütenlikör aus Noldes Garten – wo der Schriftzug „Nolde“ draufsteht, steckt auch irgendetwas vom Kosmos Nolde drin. Laut Kuratorin stehen alle Produkte im Zusammenhang mit den Werken. Und ebenfalls bei diesen Marketingaktionen kooperiert die Stiftung mit örtlichen Unternehmen, beispielsweise mit einer Töpferei, die einen vom Künstler kreierten Blumentopf repliziert. Ein hiesiger Goldschmied fertigt jene Brosche an, die einst Nolde für seine Frau Ada schuf. Mitarbeiter der Mürwiker Werkstätten wiederum nähen Artikel aus Stoff, beispielsweise Handytaschen, die so bunt sind wie die Aquarelle des Malers. Jedes Stück ist ein Unikat. Merchandising in Seebüll, Nolde als Marke.

Viel Wert legt das Museumskonzepts zudem auf junge Besucher. Für sie steht ein Extra-Verkaufstisch im Museumsshop sowie eine Spielecke bereit. Die Jüngsten können eine Schnitzeljagd durch das Areal machen oder an Malkursen teilnehmen. „Die Kinder sind die Stammbesucher von morgen“, kommentiert Caroline Dieterich.

Und wenn das neue Konzept greift, dann könnte selbst die Abgeschiedenheit der Einrichtung zum Vorteil werden. Noldes Refugium steht dort, wo sich sonst weiter nicht viel findet: auf einer Warft, umgeben von Natur. Zumindest für die vielen Tagesausflügler, die aus Dänemark und ganz Schleswig-Holstein kommen, könnte allein schon der lange Anfahrtsweg den Besuch in Seebüll zu etwas Besonderem machen, die Vorfreude auf einen ganzen Tag mit Nolde steigern. Denn im Idealfall betrachtet der Gast die Werke, schlendert durch den hübschen Garten, kauft Blumen, stöbert im Museumsshop und isst einen Happen in der Gastronomie – um sich dann vor Ort von der Landschaft beeindrucken zu lassen. Die Nolde-Stiftung ist im Besitz von 100 Hektar Land rund um die Warft und darauf bedacht, die Umgebung so zu belassen, wie sie Nolde kannte. Statt Windkraftanlagen sieht man deshalb Kühe mit Kälbern auf den anliegenden Weiden. Wanderwege sollen später einmal ausgebaut werden, um die herbe Schönheit der Landschaft erlebbar zu machen. Nolde als Gesamtkunstwerk.

Wozu das Ganze? Letztendlich auch, um Umsatz zu erzielen. „Mit 30 Mitarbeitern ist das Museum wie ein kleines Wirtschaftsunternehmen, das keine Förderungen erhält und sich behaupten muss“, erklärt Ring.

Und es sieht so aus, als würden die strategischen Bemühungen der Stiftung bereits fruchten. Nach lange rückläufigen Besucherzahlen ist die Zahl der Museumsgäste erstmals wieder gestiegen. 2015 waren es 4000 mehr als im Vorjahr. Kuratorin Caroline Dieterich ist zufrieden: „Es freut uns, dass unsere Ideen so positiv angenommen werden. Und auch künftig können sich die Besucher auf spannende Neuerungen in Seebüll freuen.“

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erstellt am 19.Apr.2016 | 11:42 Uhr

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