Aus dem Amtsgericht : Keine Beweise für Keller-Übergriffe

Mann wird von Missbrauchsvorwurf an Nachbarskind freigesprochen

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23. Juli 2015, 05:00 Uhr

Über zwanzig Jahre ist es her, dass Klaus H.* eine heute 25-Jährige in seinem Hobbykeller sexuell bedrängt haben soll. Damals lebte der Mann mit seiner Familie in Hörnum auf Sylt – die Zeugin wohnte 1994 mit ihren Eltern direkt nebenan. Jetzt trafen sich die junge Frau und der heute 57-Jährige vor dem Amtsgericht Niebüll wieder.

Seit Jahren habe sie Bilder im Kopf, die sie an den Missbrauch erinnerten, sagte Diana P.* im Gerichtssaal. „Ich sitze in diesem Keller und er ist an mir dran.“ Bis heute sei ihr der Raum, in dem Klaus H. alte Radiogeräte sammelte und reparierte, im Gedächtnis. Konkret wollte sich Diana P. vor Gericht daran erinnern, dass der Angeklagte ihr erst „Schmuddelhefte“ gezeigt, daraufhin seinen Penis an ihr gerieben und schließlich auf ihren Bauch ejakuliert habe. „Bis heute erinnere ich mich an dieses warme Gefühl“, sagte die Zeugin. Bei einer anderen Gelegenheit habe der Familienvater die damals Vierjährige auf seinen Schoß gehoben und sei dabei spürbar erregt gewesen.

„Die Vorwürfe kann ich nicht nachvollziehen“, bestritt Klaus H. die ihm zur Last gelegten sexuelle Handlungen mit dem Kleinkind. Er versicherte: „Ich kann mich an ein solches Zusammentreffen nicht erinnern.“ Es sei aber richtig, dass Diana P. häufig in dem Haus seiner Familie zu Gast gewesen sei, da die Nachbarn zu dieser Zeit enge Freunde waren. „Meine Tochter und die Nachbarin haben in dem Keller deswegen regelmäßig Kindersendungen geschaut.“ Heute hat der 57-Jährige nach eigener Angabe keinen Kontakt mehr zu seiner damaligen Ehefrau und den gemeinsamen Töchtern. Grund für das Zerwürfnis war demnach eine Verurteilung wegen Kindesmissbrauchs, die Klaus H. bereits vor 20 Jahren eine mehrjährige Haftstrafe einbrachte.

Im Zeugenstand wurde Diana P. zu ihren Erinnerungen an die vermeintlichen Taten befragt. Immer wieder betonte sie, dass sie sich nicht an alle Details erinnern könne. Ihr Ziel sei es auch nicht, den 57-Jährigen mit ihrer Aussage ins Gefängnis zu bringen. Was sie mit der Anzeige gegen den ehemaligen Nachbarn dann habe bezwecken wollen, hakte der Staatsanwalt nach. Mit Blick zu Klaus H. sagte sie: „Ich will, dass er weiß, dass ich es nicht vergessen habe.“ Durch den Prozess hoffe sie, dass sie mit den Erinnerungen abschließen könne. „Ich habe in meinem Leben in letzter Zeit nicht viel auf die Reihe bekommen – das muss jetzt mal vorbei sein.“

Anschließend trug eine vom Gericht bestellte Psychologin ihr Gutachten über die bereits abwesende Zeugin vor. Demnach stehe die „Zeugeneignung“ von Diana P. außer Frage und auch lägen keine Persönlichkeitsstörungen vor. Und dennoch führte die Expertin erhebliche Zweifel an den zentralen Anschuldigungen gegen den Angeklagten ins Feld: „Es mangelt an belastbaren Details.“ Gründe dafür seien eine Unschärfe, die durch den lange Zeitspanne und das damalige Alter der Zeugin entstünden. Es gebe allerdings auch starke Hinweise darauf, dass Diana P. die Ereignisse unbewusst konstruiert habe.

Das Gericht folgte schließlich der Staatsanwaltschaft, die Freispruch für Klaus H. forderte. Ob es vor 20 Jahren in dem Hobby-Keller zu Missbrauch gekommen ist, konnte damit nicht abschließend geklärt werden.  

*Namen von der Redaktion geändert

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