Jugendjahre als Grenzerfahrung

Blickt auf eine Jugend zurück, die alles andere als sonnig war: Erwin Block aus Süderlügum.
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Blickt auf eine Jugend zurück, die alles andere als sonnig war: Erwin Block aus Süderlügum.

Deutsch-dänische Lebensart, NS-Zeit, Krieg und mehr: Erwin Block hat seine Erinnerungen an die 1930er und 1940er schriftlich festgehalten

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09. März 2017, 11:26 Uhr

„Kindheit und Jugend in den 1930er- und 1940er-Jahren an der dänischen Grenze“ nennt Tischlermeister Erwin Block (84) seine Erinnerungen, die er auf 75 Seiten in einer Broschüre zusammengefasst hat. Seine Notizen sind zugleich ein Spiegelbild der damaligen Lebensumstände im grenznahen Gebiet, wo deutsche und dänische Lebensart einander überlagerten. Hinzu kamen die Einflüsse der NS-Zeit, des Krieges, der Nachkriegszeit, des Flüchtlingsstroms und eben die einer Grenzregion. Erwin Block schrieb auf, wie er die Zeit meisterte – Jahre, die für ihn beileibe keine sonnige Jugend waren.

Geboren wurde er am 10. Mai 1932 als Sohn eines Arbeiters, der sein Brot im Tiefbau verdiente, in dem er unter anderem an Projekten mitwirkte, die nicht nur friedlichen Zwecken dienten. 1938 kam er zur Schule, lernte bei Lehrer Christiansen noch die Sütterlinschrift, erschien zum Dienst im Jungvolk, erduldete eine „völkische Erziehung“ und beendete diese Phase seiner Jugend 1947 mit der Konfirmation. In den Kriegsjahren bangte er mit seinem Bruder und der Mutter um seinen Vater, der in Belgien und an der Ostfront Soldat war und das Kriegsende in einem Lazarett erlebte und wenig später wieder daheim war.

Nach kurzer Zeit in der Landwirtschaft bekam er eine Lehrstelle als Stellmacher, lernte vier Jahre. In Sonderburg bestand er die Gesellenprüfung. 1970 machte er sich selbstständig und verkaufte Türen und Fenster. 1991 beendete er seine berufliche Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen. Er ist dreifacher Vater und Großvater – und heute Witwer. Seine zweite Frau verstarb vor vier Jahren.

Erwin Block ist zweisprachig groß geworden. Er beherrscht das dänische Sønderjysk und die deutsche/plattdeutsche Sprache. Während des Krieges gehörte sein Zuhause zu den Teilselbstversorgern, die selbst schlachteten, eine Kuh molken und von den Legehennen an die 180m Eier im Jahr erwarteten. Ein Teil der hauseigenen Produktion musste abgeliefert werden. Die Zuteilungen auf der Lebensmittelkarte wurden entsprechend reduziert. Vor dem Schlachten musste das Gewicht des Schweins gemeldet werden. Auf den Tisch kamen Griebenschmalz und dann und wann ein eingeweckter Schweinebraten. Aus dem Garten gab es Kartoffeln und Gemüse und vom Feld Rüben. Hausgemacht waren auch Kartoffelmehl und Sirup. Ein Teil des Gemüses wurde in einer Miete eingelagert.

Im Dorf gab es drei Bäcker, die nur ein stark reduziertes Sortiment an Backwaren anbieten konnten. Kuchen wurde selbst gebacken. Die daheim gehaltenen Schafe lieferten außer von der Schur auch „Wolle vom Zaun“. Es dauerte, bis es elektrischen Strom gab, den zuvor die Petroleumlampe ersetzen musste. Später gehörte die 60-Watt-Birne zum absoluten Luxus. Geheizt wurde mit Torf aus dem Schwansmoor. Streichhölzer ersetzte der Fidibus. Um den Küchenherd zu heizen, mussten Holz und Buschwerk gehackt werden, was auch mal Sache der Kinder war.

Der Waschtag war ein Knochenjob, zumal auch die Wringmaschine eher eine Seltenheit war. Die Wasserversorgung stellte der Brunnen vor dem Haus sicher – entweder mithilfe der Handpumpe oder mit dem Schöpfeimer. In der Küche standen zwei, drei Wassereimer auf der „Wasserbank“, stets befüllt mit frischem Brunnenwasser, das man zum Trinken mit der Kelle schöpfte. Auf Sparflamme lief zuweilen auch die Hygiene. Am Badetag kamen im Bottich mit dem angewärmten Brunnenwasser zuerst die Kinder, danach die Eltern an die Reihe. Und das, wie Erwin Block notierte, alle vier Wochen und zuweilen auch nach noch längerer Pause.

Die Krankenversorgung besorgte (per Rad) Gemeindeschwester Anni, der verlängerte Arm von Dr. Michelsen, der Medikamente von Godske Hansens Niebüller Apotheke verschrieb, die der Bus abends mitbrachte, wenn die Rezepte den Frühbus erreicht hatten. Mit dem Zug ging es nicht, weil es der Kriegs-Fahrplan nicht hergab und die Erklärung dafür lautete: „Räder müssen rollen für den Sieg.“

Dann gab es in Süderlügum damals noch die Brandkuhle, wie man den Feuerlöschteich nannte. Die Kuhle fand vielseitige Verwendung. Mal schwamm Jauche drin, mal die Enten. Zuweilen waren es auch die Brotbretter von Bäcker Sönnichsen oder ein bäuerlicher Mistwagen, der in der Kuhle gereinigt wurde. Im Winter wurde auf der Kuhle Schlittschuh gelaufen. „Und gebadet haben wir auch in der Kuhle – und sind nicht krank geworden“, sagt Erwin Block, der noch weitaus mehr auf seinem Zettel hatte wie das Kräutersammeln der Schüler, die Propaganda „von oben“, die Frage, woran man einen Juden erkennt und die vielen, vielen Informationen aus dem Radio – und nur leider die Wahrheit nicht. Wahr war allerdings, dass junge Menschen vormilitärisch Dienst machten, Hitlerjugend-Lieder sangen und und anhören mussten, wie die Mädels vom „Bund Deutscher Mädel“ aufgefordert wurden: „Schenk dem Führer ein Kind“. Es waren die Jahre, als die Bahn zwischen Niebüll und Süderlügum noch zweigleisig war, die Mütter zu Hause entbinden mussten, in Süderlügum noch zwei Gendarmen Dienst schoben und 1938 die Betonstraße von Süderlügum nach Harrislee fertig war. Nachzulesen ist das alles und noch mehr in Erwin Blocks Erinnerungen, die in der Bäckerfiliale von Sönke Petersen und in der Tankstelle W. Jahn für 15 Euro zu haben sind.

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