Jens Jessens Weg in den Widerstand

<dick>Referent</dick> Frank Lubowitz im Dokumentenhaus der Gedenkstätte. Foto: ji
Referent Frank Lubowitz im Dokumentenhaus der Gedenkstätte. Foto: ji

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03. Februar 2010, 05:59 Uhr

Ladelund | Jens Jessen sah im Nationalsozialismus zunächst eine Bewegung, die seiner konservativen und antikommunistischen Haltung zu entsprechen schien. Seinen Weg vom Mitglied der NSDAP zum Widerstandskämpfer zeichnete Frank Lubowitz, Historiker und Archivar beim Bund der Nordschleswiger in Apenrade, in einem Vortrag in der KZ-Gedenk- und Begegungsstätte in Ladelund nach.

Im Jahre 1895 im damals preußischen Nordschleswig in Stoltelund bei Tingleff geboren, besuchte Jessen das "Alte Gymnasium" in Flensburg. Im Zuge einer erstaunlich steilen wissenschaftlichen Karriere promovierte er bereits 1920 zum "Doktor der wirtschaftlichen Staatswissenschaften" und schon drei Monate nach seinem ersten Staatsexamen zum "Doktor der Rechte". Nach dem Ende seines Studiums war er zunächst in Dänemark für die Deutsche Bank, danach in der Position eines stellvertretenden Direktors einer Außenhandelsfirma in Südamerika tätig.

Durch den Gauleiter für Hannover-Braunschweig, Bernhard Rust, geriet er in Göttingen in Kontakt zum Nationalsozialismus. 1930 trat er der NSDAP bei. 1933 avancierte er zum Professor für Volkswirtschaft, Weltwirtschaftslehre und Finanzwissenschaften der Kieler Universität und zum Leiter des Instituts für Weltwirtschaft und Seeverkehr. Eine Reihe von Konflikten mit der NSDAP, insbesondere seine Äußerungen des Unmuts über Korruption, Bereicherung und Postenschieberei, denen er aus Sorge um das Ansehen seines Staates nicht tatenlos zusehen mochte, brachten ihm 1934 eine Strafversetzung nach Marburg ein. Trotz dieser Eintrübung des Verhältnisses zu seiner Partei "blieb Jessens Verhältnis zum Nationalsozialismus noch weitgehend ungebrochen" (Lubowitz).

Erst seine Berührung mit dem politisch und geistig elitären Kreis der "Mittwochsgesellschaft", aus der später ein Kern des bürgerlich-konservativen Widerstandes gegen das Naziregime hervorgehen sollte, brachte ihn zur Einsicht, "dass Recht und Gesetz in Deutschland nicht mehr zu Hause" seien sowie auf den Gedanken, einen "völkischen Führerstaat ohne Hitler" anzustreben. Ihm war aber "bewusst, dass eine geheime Opposition mit dem Ziel, das Staatswesen von einem Diktator zu befreien, nur mit Hilfe solcher Personen erreicht werden kann, die selber durch Mitarbeit an den politischen und militärischen Aufgaben Schlüsselstellungen innehaben und im näheren Umkreis der Macht stehen." So wuchs Jens Jessen in die Gedanken und Aktivitäten der Widerstandskämpfer, also in die "Verschwörung im Zentrum der Macht", hinein und entwarf später sogar selbst den Plan für das Attentat, das Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944 misslang.

Nach seiner Gefangennahme wurde sein Todesurteil mit der "Nichtanzeige eines hochverräterischen Unternehmens in einem besonders schweren Falle" begründet und durch den Strang vollstreckt. Frank Lubowitz wies abschließend darauf hin, dass 1994 bei einer Kranzniederlegung am Gedenkstein zu Ehren von Jens Jessen ein ehemaliger dänischer Widerstandskämpfer seine blau-weiß-rote Armbinde abgestreift und sie - "als Symbol der Dankbarkeit gegenüber Frauen und Männern wie Jens Jessen" am Stein niedergelegt habe. Dies sei um so bemerkenswerter, als der Bruder des Mannes von der deutschen Besatzung in Kolding erschossen wurde.

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