Bundeswehr-Einheit in Stadum : „Je schwerer die Übung, desto leichter der Kampf“

Die Patrouille ist in gepanzerten Fahrzeugen unterwegs.
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Die Patrouille ist in gepanzerten Fahrzeugen unterwegs.

Ein hoch spezialisierter Verband der Bundeswehr bereitet sich in Nordfriesland auf den nächsten UN-Einsatz in Mali vor.

shz.de von
19. Juni 2018, 06:00 Uhr

Stadum | Patrouille unter Beschuss: Ein Sprengsatz detoniert und legt ein Fahrzeug lahm. Es gibt Verwundete, die geborgen werden müssen, während die Soldaten beschossen werden. Der Patrouillenführer ordnet die Bergung. Eigensicherung ist wichtig: „Keine Bewegung ohne Feuer, kein Feuer ohne Bewegung“ lautet der oberste Leitsatz. Ein Fahrzeug zieht nach vorne, in dessen Schutz sich Teile des Trupps den Verwundeten nähern, während andere Soldaten des Trupps den Feindbeschuss erwidern.

Was war zuvor geschehen? Der Tag hatte mit der Befehlsausgabe begonnen, dabei wurde ein möglicher Angriff durchgesprochen, da es in den vergangenen Tagen vermehrt zu Anschlägen auf deutsche Kräfte gekommen war. Der Trupp verließ am Vormittag das Camp, um einen Beobachtungshalt durchzuführen. Dazu fuhren die Fahrzeuge zu einer Wagenburg auf, wobei der CG-20+, ein Fahrzeug mit spezieller Störausrüstung und somit wichtigstes Fahrzeug der Patrouille, von den anderen schützend umrundet wurde. Es folgte der Umgebungs-Check: aus dem Fahrzeug heraus werden zuerst die verdächtigen Personen oder Objekte erkundet. Im Anschluss daran steigen Soldaten aus, untersuchen zunächst den Nahbereich, anschließend etwas weiter entfernt die Umgebung der Fahrzeuge, um möglicherweise vergrabene Sprengladungen frühzeitig zu erkennen. Nachdem dies ohne Zwischenfall verlief, wurde der Trupp wenig später auf einer Zufahrtsstraße angesprengt.

Was sich wie eine Szene im realen Bundeswehreinsatz in Mali darstellt, ist die Abschlussübung der einsatzvorbereitenden Ausbildung der Soldaten des Bataillons Elektronische Kampfführung 911 aus Stadum, die auf dem Übungsplatz in Lütjenholm stattfindet. Die Stadumer Spezialisten gehen im September in den Einsatz nach Afrika und werden dort Kameraden und Verbündete mit Störsendern gegen funkausgelöste Sprengfallen schützen, denn improvisierte Sprengfallen (Improvised Explosive Devices, IED) stellen in den Einsatzgebieten der Bundeswehr meist die größte Gefahr für die Sicherheit der Soldaten dar. Oftmals sind diese Sprengfallen an Straßenrändern versteckt oder unter der Straße vergraben. Sie sind damit einerseits schwer zu erkennen und können andererseits je nach Bauart auch schwer gepanzerte Fahrzeuge zerstören. Ausgelöst werden sie über mechanischen Druck des darüber rollenden Fahrzeuges, über einen Zugdraht oder über Funk durch den Attentäter. Um sich gegen funkausgelöste Sprengfallen zu schützen, verfügt die Truppe in ihren Fahrzeugen über hochmoderne elektronische Störsender, die Funksignale zum Auslösen der Sprengladung blockieren können.

„Je schwerer die Übung, desto leichter der Kampf“, erläutert Hauptmann R. (*Name aus Sicherheitsgründen abgekürzt), der stellvertretend für den Kompaniechef vor Ort ist. Die Soldaten so gut wie möglich für den bevorstehenden Einsatz vorzubereiten – das ist das Ziel der Ausbildung, wofür ein großer Aufwand betrieben wird: Für die Abschlussübung unterstützten 30 Soldaten auf dem Standortübungsplatz , um die Szene für die Soldaten in Ausbildung möglichst naturgetreu darzustellen und dadurch den größtmöglichen Lerneffekt zu erreichen. „Unter Feindbeschuss steigen Adrenalin- und Stressniveau deutlich an, in einer solchen Situation einen kühlen Kopf zu bewahren und richtige Entscheidungen zu treffen muss immer wieder geübt werden“ ergänzt Hauptmann R..

Sieben Soldaten aus Stadum gehen im September in den Einsatz nach Mali, die im Rahmen der UN-Mission MINUSMA (Mission multidimensionelle integrée des Nations Unies pour la stabilisation au Mali) eingesetzt werden, um die Stabilisierung des Landes zu unterstützen.


Ein Testament gehört zur Vorbereitung

Alle waren bereits zuvor in Auslandseinsätzen im Kosovo und/oder Afghanistan. Ein Einsatz in Mali ist nicht weniger gefährlich. Sorgen deswegen machen sich die Soldaten allerdings nicht. „Ich gehe mit einem gesunden Respekt in den Einsatz“, sagt der Oberstabsgefreite A. (36). Für den Vater einer sechsjährigen Tochter ist es der vierte Einsatz im Ausland. Seine Frau beruhige er dadurch, dass die Deutschen nicht das vorrangige Ziel vor Ort seien und dort ein gutes Ansehen genössen. Trotzdem hat die UN-Truppe in Mali bereits Verluste erlitten.

„Meine Lebensgefährtin wusste, dass das kommen wird, dass ich in den Einsatz gehen werde“, sagt der Oberstabsgefreite K.. Der 26-jährige Oberfeldwebel G. wird kurz vor dem Abflug nach Mali noch seine Verlobte heiraten, zu den Flitterwochen ist er dann bereits im Einsatz. Die Soldaten fühlen sich sehr gut vorbereitet, haben ein fünfwöchiges Training absolviert sowie eine medizinische Tauglichkeitsuntersuchung erfolgreich bestanden. „Mein Testament habe ich gemacht, das war allerdings schon vor dem ersten Einsatz“, berichtet Oberstabsgefreiter A.. Für ihn ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass sich die Bundeswehr gut um die Familien der Soldaten kümmert – während der Einsatzzeit und auch, falls er aus dem Einsatz nicht wieder zurückkommen sollte.

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