Schüsse im Wald : Jagd auf die Weißtannen

Johannsen
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Dr. Bernhard Hosius (l.) und Georg von Lüninck tüten die Zweige ein, um sie anschließend zu untersuchen. 

Bäume in einigen Wäldern Südtonderns werden Gen-Tests unterzogen und Zweigspitzen mit Spezial-Gewehr gekappt.

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07. März 2018, 06:28 Uhr

Leck/Süderlügum/Karlum | Warum wird hier im Wald geschossen? Förster Jörn Frank kam gestern gerade noch rechtzeitig, um zwei verängstigten Spaziergängerinnen eine Antwort zu liefern: „Es werden kleine Zweige von Weißtannen abgeschossen, deren Knospen auf genetische Vielfalt und Reinheit untersucht werden sollen“, sagte der Experte.

Forstgenetiker Dr. Bernhard Hosius aus Göttingen legte am Dienstag im Langenberger Forst das Gewehr an, bis zum Wochenende werden weitere Weißtannen-Proben im Karlumer und Süderlügumer Forst entnommen. „Für Waldbesucher besteht keine Gefahr“, klärt Jörn Frank auf.

In Südtonderns Wäldern wachsen Nordmann- und Weißtannen, nordatlantische Edel- und Japantannen, ebenso gedeihen Heimlock- und Küstentannen. Alle Tannenarten sind miteinander verwandt, doch die Forstwissenschaftler interessiert in diesen Tagen nur die Weißtanne. „Die Weißtanne ist die Gewinnerin des Klimawandels“, erzählt Dr. Bernhard Hosius. Sie könne mehr Wärme vertragen, eine tiefe Pfahlwurzel ausbilden und somit mehr Wasser im Boden erreichen. Also all das, was künftig für einen gesunden Bestand relevant ist.

Zuletzt hatten Fachleute im Herbst vergangenen Jahres die Zapfen der Weißtanne geerntet. Denn: Woher das Saatgut stammt, aus denen die über 120 Jahre alten Mutterbäume gewachsen sind, ist nicht bekannt. Auch die genetische Vielfalt und Rassereinheit der Saatguttannen kann nicht benannt werden.

„Aber gerade das ist wichtig, wenn man aus der Saat neue Wälder begründen will. Es wäre ärgerlich, wenn wir in 100 Jahren feststellen müssten, dass die aus heute gewonnener Saat geschaffenen Wälder eventuellen Veränderungen beispielsweise des Klimas nicht angepasst sind“, sagt der Förster.

Um sicherere und vielfältigere Wälder zu schaffen, müssen sich die Weißtannen jetzt diesem Gen-Test unterziehen. Gleichzeitig soll die Untersuchung Klarheit darüber bringen, woher die Weißtannen ursprünglich stammen: Haben sie nach der Eiszeit den Weg über die Westalpen, Ostalpen oder den Balkan zu uns gefunden?

Um all das zu erforschen, sind Zweigspitzen notwendig. Diese hängen in den meisten Fällen hoch oben in luftiger Höhe. Mit einer extra angefertigten Flinte, die mit einem Schalldämpfer ausgestattet ist und aus der umweltfreundliches Weicheisenschrot verschossen wird, werden diese Zweige aus der Krone geschossen.

Je Saatgutbestand – in Südtondern sind es von der Weißtanne zwölf Stück – werden 50 Proben genommen. Es wird ausdrücklich betont, dass das Unternehmen von Dr. Hosius alle waffenrechtlichen Bestimmungen erfüllt. Er arbeitet für die Georg-August-Universität Göttingen und ist im Auftrag der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt unterwegs.

Wenn in diesen Tagen Schüsse durch die Wälder hallen, brauchen Spaziergänger und Anwohner sich also nicht zu sorgen: Es ist keine Treibjagd, denn alles Wild hat Schonzeit. Die Schüsse kommen von Forstwissenschaftlern, die auf der Jagd nach Genproben sind.


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