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Gegen Ausgrenzung : „Inklusion fängt bei der Haltung an“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Mitglieder des Regionalen Bündnisses trafen sich zum Erfahrungsaustausch. Die gemeinsamen Ziele: Kreisweite Zusammenarbeit und Werbung um Vertrauen.

Egal, ob Lernschwächen, Herkunft oder körperliche Einschränkungen: „Ich habe festgestellt, dass Inklusion und Behinderung bei Kindern nie ein Thema ist. Es ist ein Thema der Erwachsenen“, sagt Juliane Ebberg-Suhr. „Ich empfinde manchmal die Diskussion als sehr gekünstelt.“ Sie ist seit 20 Jahren Hauptschullehrerin, Koordinatorin des Bildungsjahrganges 7 bis 9 an der Gemeinschaftsschule in Niebüll und Mitglied des Regionalen Bündnisses (siehe Infokasten), berichtet heute über ihre Erfahrungen. Unter der Leitung von Thordis Teiwes-Schlüter, Projektmanagement und Fallmanagement im Sozialzentrum Leck, hat sich die Gruppe für ihr jüngstes Treffen der Inklusion angenommen.

Mehr als nur ein Modewort? „Es geht gar nicht anders, als dass wir uns mit dem Thema beschäftigen“, macht Susanne Kunsmann vom evangelischen Kinder- und Jugendbüro in Niebüll deutlich. Sie ist seit 20 Jahren in der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit tätig und erzählt, wie auch sie erst überzeugt werden musste. „Das geht vorüber – habe ich damals gedacht – lass’ das mal die anderen machen, in der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit geht da nichts.“ Aber es kam anders. Das Umdenken kam nach einem Seminarbesuch. Susanne Kunsmann bemühte sich um Fördergelder der „Aktion Mensch und bekam für das Jahr 2014 eine Viertelstelle finanziert. Sie knüpfte Kontakte mit Menschen und Institutionen, die sie bisher nicht kannte, aber in derselben Sache unterwegs sind. Und dabei wurde ihr klar: „Ich hatte ursprünglich das Gefühl, etwas neu zu erfinden, aber es war ja schon vieles da.“ Sie fing an, bei Kollegen Überzeugungsarbeit zu leisten, organisierte einen Fachtag zu dem Thema. „Ich habe sehr viel positive Resonanz bekommen.“ Sie konnte ihnen klar machen: „Inklusion fängt bei der Haltung an.“ Für das Jahr 2015 hat sich der Kirchenkreis Nordfriesland das Jahresthema „Ein Platz für Dich“ gegeben. Geplant sind ein Open-Air-Gottesdienst und vieles mehr. Eine Arbeitsgruppe initiiert zudem eine Veranstaltung zum Thema „Was ist schon normal?“.

Das evangelische Kinder- und Jugendbüro in Niebüll arbeitet seit dem vergangenen Jahr unter anderem mit der „Schatzkiste“. Sie enthält Arbeits- und Spielmaterialien, um Kindern und Jugendlichen das Thema näher zu bringen, darunter auch eine Handpuppe, der ein Bein fehlt. Doch damit nicht genug. Bei allen Angeboten, die folgten (dazu gehörten die Tage ethischer Orientierung TEO, an denen 50 Schüler aus Niebüll und Neukirchen teilnahmen, aber auch auch fünf Kinderfreizeiten – davon zwei inklusiv) wurde darauf geachtet, dass sich die Zielgruppe angesprochen fühlt, dieses bereits auf Flyern und Anmeldebögen zu sehen ist. Kunsmann: „Wir müssen ihnen deutlich machen: Ihr dürft auch kommen.“ Mit Erfolg. „Es ist toll und eine Bereicherung, mit allen diesen verschiedenen Menschen zusammenzuarbeiten.“

Überzeugungsarbeit musste und muss immer noch bei den Eltern geleistet werden, die ihre Kinder vor Ablehnung schützen möchten. „Inklusion ist keine Einbahnstraße“, sagt Susanne Kunsmann. Sie funktioniere nach dem Brückenprinzip. „Ich kann alles Mögliche anbieten, aber es muss von beiden Seiten auch gewollt sein.“ Mit dem Satz „Wir müssen in Nordfriesland weg von dem Konkurrenzdenken“ rief sie alle Institutionen und Vereine dazu auf, zusammenzuarbeiten. „Egal wo, Hauptsache ist, es gibt Angebote.“

„Lass’ uns doch mal anfangen“, erklärt Daniela Holtemöller, Schulleiterin des Förderzentrums (für eine Übergangszeit werden in Niebüll noch elf Schüler beschult), während der Versammlung. Förderangebote gebe es (außer für Schulen und Personalkosten) genug. Sie berichtet, was ihre Schüler sich sehnlich wünschen: „Sie wollen endlich an die Gemeinschaftsschule. Sie fühlen sich im Förderzentrum ausgrenzt. Inklusion ist für Kinder kein Thema.“

Benjamin Mommsen von der Gemeinschaftsschule an der Lecker Au schränkt ein, dass, je älter Jugendliche werden, um so stärker werde Inklusion für diese Gruppe sehr wohl zum Problem. Innerhalb der Schule und des Unterrichts funktioniere alles, die Ausgrenzung beginne am Nachmittag. Auch werde Inklusion immer dann schwierig, sobald Extra-Zeit, Extra-Material und ein Extra-Aufwand nötig sei. „Das sind die Erfahrungen, die ich gemacht habe.“

Susanne Kunsmann plant, über die „Aktion Mensch“ eine Vollzeitstelle als Projektstelle für den gesamten Kreis Nordfriesland einzuwerben, zu 80 Prozent finanziert von der Aktion (woher das Geld für die restlichen 20 Prozent kommen soll, ist noch unklar). Ein Ergebnis des schon erwähnten Fachtags ist ein Button: „Wir denken inklusiv“ ist auf ihm zu lesen. Doch Kunsmann muss zugeben: „Derzeit lernen wir noch unsere Grenzen kennen. Es ist ein langer Weg, bis wir sagen können ,Wir sind inklusiv‘. Vielleicht werden wir es nie sagen können.“

 

 

 

 


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erstellt am 10.Feb.2015 | 08:15 Uhr

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