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Nordfriesland Tageblatt

24. Oktober 2017 | 08:02 Uhr

Ausflugstipp : Im Reich der Farben und Sinne

vom

Emil Noldes Garten ist der einzige biologisch bewirtschaftete Museumsgarten mit Zertifikat in Deutschland

shz.de von
erstellt am 18.Mai.2013 | 08:15 Uhr

Neukirchen | Durch seine Blumenbilder wurde der Maler Emil Nolde weltberühmt. Inspirationen lieferte ihm dabei auch sein eigener Garten in Seebüll, den der Expressionist selbst angelegt hat. Inmitten der grünen Einöde der Marsch verbirgt sich - umringt von hohen Gehölzen - sein besonderes Kleinod, das bis heute noch im Sinne Noldes gehegt und gepflegt wird. Roter Mohn strahlt dort neben pinkfarbenen Pfingstrosen und blauen Lupinen. Starke Kontraste, so weit das Auge reicht, wie in den Bildern des Malers.

Von Frühjahr bis Herbst leuchten die üppig bepflanzten Beete um die Wette: Farbintensiv und voller betörender Gerüche erstrecken sie sich in der Mitte der Anlage. Die Beete sind - als Zeichen seiner großen Liebe zu seiner Ehefrau Ada Nolde - in den Initialen des Ehepaares A und E angelegt. Die Aufgabe, die Blütenpracht so zu erhalten wie zu Noldes Zeiten, haben drei hauptberuflich angestellte Gärtner - darunter Andreas Weber, der seit zehn Jahren als hauptverantwortlicher Gärtner in der Stiftung tätig ist und regelmäßige Führungen durchs grüne Paradies übernimmt. Die Arbeit des Obergärtners ist eine besondere Aufgabe, denn im Nolde-Garten gilt es, Altes zu bewahren.

Nicht nur die Aufteilung der Beete befindet sich im Originalzustand, auch die Bepflanzung ist noch zu 95 Prozent so, wie Emil Nolde sie vor Jahrzehnten anlegte. Dazu gehören Sorten wie die Primula Juliae Hybride, eine Primelsorte, die schon lange vom Gartenmarkt verschwunden ist und in Seebüll seit 80 Jahren kultiviert wird. An Pfingstrosen sind es gleich sechs alte Arten, von denen vier bis heute nicht genau identifiziert werden konnten. Eine weiße Phloxsorte und die Sonnenbraut stammen ebenso aus alter Zeit. Damit diese Schätze erhalten bleiben, legen die drei Gärtner der Stiftung im Herbst ein Mutterpflanzenquartier an, um Ableger in Töpfen vor harten Wintern zu schützen. Somit bleibt immer ein kleiner Vorrat, falls eine Pflanze in den Beeten eingeht. Auch die Samen der Blumen werden zur Vermehrung gewonnen, teils für den eigenen Gebrauch, teils zum Verkauf im darauf folgenden Frühjahr.

Schilder mit bunten Bildern erklären dem Laien, welche Pflanze in den kleinen schwarzen Plastiktöpfchen steckt, und ermöglichen es Blumenliebhabern, sich ein ganz besonderes Souvenir mit nach Hause zu nehmen. "Die alten Pflanzensorten sind robuster als hochgezüchtete Hybriden", so die Erfahrung von Andreas Weber. "Auch gegen Schädlinge sind sie weniger anfällig", sagt der 47-jährige Obergärtner. Falls sich dennoch der eine oder andere Schädling an die Blumen wagt, werden pflanzliche Schädlingsvernichter verwendet, denn das ganze Anwesen wird seit fünf Jahren rein ökologisch bewirtschaftet. Damit ist der Garten der Noldestiftung der bisher einzige biologische Museumsgarten mit Zertifizierung in ganz Deutschland.

An einen Museumsgarten erinnert der Noldegarten allerdings kaum. Nichts ist akkurat in Form geschnitten, die Pflanzen dürfen größtenteils wachsen, wie es ihnen beliebt. Von den insgesamt 70 Sorten werden in jedem Frühjahr nur etwa 15 bis 30 Stück ausgesät, so dass sich das Bild des Gartens von Jahr zu Jahr ändert. Die Sommerblüher sähen sich an verschiedenen Stellen selbst aus und werden weitestgehend an diesen Plätzen belassen. Auch verblühte Köpfe werden nicht sofort abgeschnitten, sondern verbleiben an der Pflanze, bis sie von selbst abfallen. "Manche Hobbygärtner denken, dass der Garten ungepflegt ist, wenn sie die vertrockneten Blüten sehen. Aber ich denke, man sollte sich von dem Bild verabschieden, dass das, was nicht mehr blüht, nicht mehr schön ist", sagt Weber.

Auch Emil Nolde malte in seinen Blumenbildern gerne alt neben neu, den Kreislauf des Lebens. Zusätzlich zu den Blumenbeeten gehören zum Anwesen ein historischer Gemüsegarten und ein alter Obstbaumbestand. Zwetschen, Quitten und Haselnuss tragen ebenso zahlreiche Früchte wie die ursprüngliche Apfelbaumsorte "Agate von Seebüll", eine echt norddeutsche Sorte. Im Garten herrscht durch den Schutz der hohen Bäume ein besonderes Klein-Klima. Die Vegetation ist meist eine bis zwei Wochen weiter als in der Umgebung. "Es ist ein sehr emotionaler Garten. Es macht mich glücklich, zu sehen, wie die Menschen hier in dieser Pracht schwelgen, die sich ganz unerwartet inmitten der kargen Landschaft drum herum befindet", berichtet Andreas Weber aus seinem Arbeitsalltag.

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