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Völkermord vor 100 Jahren : „Ich will an das Unrecht erinnern“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Mit einem Gedenkmarsch möchte Senjura Karapetjan an den Völkermord an den Armeniern während des ersten Weltkrieges erinnern

shz.de von
erstellt am 23.Apr.2015 | 05:00 Uhr

Vor 100 Jahren sah die Welt den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts: Hunderttausende Armenier starben damals im Osmanischen Reich. Senjura Karapetjan will gegen das Vergessen kämpfen. Sie lebt in Niebüll und ist Armenierin. Am Freitag, 24. April, um 15 Uhr hat die 65-Jährige einen Trauermarsch vom Rathausplatz in Niebüll mit anschließendem Gottesdienst in der Niebüller Christuskirche organisiert. Nachdem die Lehrerin selbst aus ihrer Heimat floh, setzt sie sich heute für eine Anerkennung des Mordes und Vertreibung der Armenier als „Völkermord“ ein.

Hat es auch in Ihrer Familie Opfer des Völkermordes vor 100 Jahren gegeben?

Nein - in meiner Familie war zu dieser Zeit glücklicherweise niemand betroffen. Und trotzdem bewegt mich das Schicksal dieser Menschen sehr, weil auch ich mit meiner Familie aus meiner Heimat in Aserbaidschan fliehen musste. Deswegen will ich an das Unrecht erinnern.

Wann und warum sind sie damals aus Aserbaidschan geflohen?

Im Jahr 1992 sind wir aus unserer Heimat Bergkarabach geflohen (Region im Südosten, die zwischen Armenien und Aserbaidschan umstritten ist), weil wir dort bedroht wurden - es war nicht mehr sicher. Daraufhin sind wir illegal nach Russland ausgereist. Als mein Sohn, der damals viel gesehen hat, psychisch erkrankte, sind wir sieben Jahre später zur Behandlung nach Deutschland gekommen und haben hier Asyl beantragt.

Welche Geschichten erzählte man sich in ihrer Heimat über die Massaker und Todesmärsche, denen die Groß- und Urgroßelterngeneration ausgesetzt waren?

Mittlerweile sind alle, die noch berichten konnten, tot. Ich erinnere mich aber gut an sehr sehr viele Geschichten, die mir Betroffene nicht nur in Armenien, sondern auch in Russland erzählt haben, über das, was sie damals mit ihren eigenen Augen sahen.

Mit ihren morgigen Gedenkmarsch wollen Sie jetzt an das Verbrechen erinnern - was fordern Sie genau?

Wir wollen, dass endlich auch öffentlich die Wahrheit darüber gesagt wird, was damals vor 100 Jahren passierte. Dazu gehört ganz besonders die Verwendung des Begriffs „Genozid“ oder „Völkermord“.

In einer gemeinsamen Erklärung zum Jahrestag des Verbrechens hat sich jetzt auch die Bundesregierung zu dem Begriff „Völkermord“ bekannt. Ist das nicht ein Fortschritt?

Ja, das ist gut. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich dazu bekannt. Das reicht allerdings noch nicht. Auch alle anderen Mitgliedstaaten der EU müssen diese Praxis übernehmen. Darüberhinaus muss die USA hier eine klare Position vertreten. ich würde mir wünschen, dass Barack Obama in diesem zusammenhang von „Völkermord“ spricht. Das wäre ein wichtiger Schritt. Auch wäre es sehr wichtig, einen öffentlichen Ort des Gedenkens zu haben.

Warum ist es für den türkischen Staat so schwer, die Geschichte als solche zu akzeptieren?

Dafür gibt es drei Gründe: Erstens will man verhindern, dass viele vertriebene Armenier auf ihre Scholle zurückkehren wollen. Zweitens fürchtet man wohl, dass Hinterbliebene auf Entschädigung klagen könnten und drittens ist es schwer sich zu entschuldigen. Dabei tragen die jetzt Lebenden keine Verantwortung für den Völkermord.

Wie viele Teilnehmer erwarten Sie am Freitag zum Gedenkmarsch?

Ich rechne mit ungefähr 70 Teilnehmern. Es werden natürlich Menschen aus der armenischen Gemeinde dabei sein, die teilweise auch aus Dänemark anreisen wollen. Jeder, der für Frieden, für das Erinnern und gegen Rassismus auf die Straße gehen will, ist willkommen.

 

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