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NS-Vergangenheit : „Ich sehe Niebüll mit anderen Augen“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Wolfgang Raloff las vor 120 Besuchern in der VR-Bank aus dem Buch „Niebüll in der Zeit des Nationalsozialismus“. Das Buch wurde bereits nachgedruckt.

shz.de von
erstellt am 02.Mär.2015 | 09:00 Uhr

Riesenandrang in der VR-Bank bei der Lesung des Buches „Niebüll in der Zeit des Nationalsozialismus“, einer Dokumentation von Berichten aus der Nordfriesischen Rundschau und Südtondernschen Zeitung, zusammengestellt von Wolfgang Raloff: 120 überwiegend ältere Bürger aus Niebüll und Umgebung hatten sich auf den Weg gemacht, um Heimat- und Zeitgeschichte hautnah zu erfahren. Büchereileiter Ronald Steiner hatte die Veranstaltung kurzerhand in die VR Bank verlegt; es mussten dennoch Interessierte nach Hause geschickt werden. Regionalmarktleiter Carsten Johannsen begrüßte die Gäste und bedauerte, dass die Kapazität des Hauses beschränkt sei.

Wolfgang Raloff zeigte sich angesichts der vielen Besucher bewegt, erläuterte dann, dass er sich im ersten Teil der Lesung auf die Umbruchphase 1932/1933 beschränken wolle. „Wie konnte es dazu kommen?“ Diese Frage beantwortete der frühere Direktor der FPS mit vielen Fakten. Für den erstaunlich raschen Aufstieg der NSDAP wurde die Wirtschaftskrise, insbesondere unter der Bauernschaft, die allgemein desolate Lage der Weimarer Republik, andauernder Parteienzwist, der Verlust von Nordschleswig an Dänemark aufgeführt. Ein rechtsradikales Umfeld war längst entstanden, das ab Ende der 20er Jahre von der NSDAP beerbt wurde.

„Neben der Brechung des Marxismus haben wir die besondere Aufgabe, den schleswig-holsteinischen Bauern zu erfassen. Erst wenn dieser neben dem Arbeiter die siegende Idee des Nationalsozialismus unter dem Hakenkreuzbanner erkannt hat, ist die meerumschlungene Nordmark unser“, hatte der Völkische Beobachter bereits 1926 propagiert.

1930 entstand die Niebüller NSDAP-Ortsgruppe mit 50 Mitgliedern, an der Spitze Lehrer und Ärzte. Damit änderte sich das Bild Niebülls grundlegend. Es gab zahlreiche Aufmärsche, Versammlungen und Abendfeiern. Themen waren dort die „Kriegsschuldlüge“, die „Bedrohung durch den Kommunismus“. Die Braunhemden wurden attraktiv, man(n) wollte dabei sein. Bereits Ende 1931 gab es mehr als 100 SA-Männer, fast alle Berufe vom Handwerker bis zum Buchhändler waren vertreten; sie versammelten sich zum Gruppenbild auf den Schulhof der FPS.

Die Stimmung wandte sich nun auch gegen Andersdenkende. Ein Schulleiter der FPS wurde per gezielter Meinungsmache vertrieben, Denunziationen nahmen zu. Als am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, zog ein Fackelzug durch Hauptstraße und Westersteig zur Gaststätte Braune Burg.

„Ab dann begann die Gleichschaltung“, so Raloff. Die betraf alle Vereine und Verbände, auch die Kirche. Die Rituale des Jahres mit Führers Geburtstag, Sonnenwende und Erntedankfest sorgten für eine scheinbare Normalität. Doch bald folgten weitere Verdächtigungen, Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Einzelne Personen kamen in „Schutzhaft“. Ende 1933 wurde das Gemeindevertretungsgesetz abgeschafft, nun galt auch in der Provinz das Führer-Prinzip.

In der Pause wurde lebhaft diskutiert, das Bedürfnis zu sprechen, sich auszutauschen war groß. Im zweiten Teil des Abends beschrieb Wolfgang Raloff die geschichtlichen Hintergründe und Ereignisse von dem Beginn der Judenverfolgung in der „Reichspogromnacht“ bis zur „Endlösung“, von der generellen Erfassung des Individuums im NS-Staat. Er berichtete von der ersten Kriegsweihnacht, zitierte aus den Todesanzeigen Niebüller Familien, deren Anzahl sich im Verlauf des Krieges ständig steigern sollte. Der verzweifelte Versuch des Regimes, den Durchhaltewillen zu stärken, dokumentierte der Besuch mehrerer Ritterkreuzträger in Niebüll. Die Lesung endete mit einem Blick auf den Entnazifizierungsprozess eines Niebüller NS-Protagonisten. Dem Ortsgruppenleiter war nichts nachzuweisen  .

„Das muss man erstmal sacken lassen“, erklärte Ronald Steiner und bekannte: „Ich sehe Niebüll jetzt mit anderen Augen.“ Nach Fragen zur Adolf-Hitler-Eiche (sie steht noch heute vor dem Richard Haizmann Museum, dem ehemaligen Rathaus) und nach jüdischen Mitbürgern in Niebüll (nur einer ist wohl namentlich bekannt) verwies ein Zuhörer auf die Notwendigkeit, die Vergangenheit in Form von Workshops aufzuarbeiten.

 

 

Das Buch „Niebüll in der Zeit des Nationalsozialismus“ wurde jetzt nachgedruckt und kann im „Verein für Niebüller Geschichte“ unter der Telefonnummer 04661/4806 oder im Buchhandel in Niebüll und Leck für 19,90 Euro gekauft werden. Zwei weitere Bücher zur Niebüller NS-Vergangenheit erscheinen bald: „Lebensbilder“ von Beate und Wolfgang Jandt (Zeitzeugen berichten) und „Dr. Charlotte Heidrich, Briefe an ihren Mann 1945“ zusammengestellt von Albert Panten. Beide Bücher werden rechtzeitig zur Ausstellungseröffnung „Niebüll in der Zeit des Nationalsozialismus“ am Sonntag, 15. März, 15 Uhr im Richard Haizmann Museum vorliegen.




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