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Integration in Leck : Ibrahim Alsunaidars Kindheitstraum: Er ist endlich Busfahrer

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Von den Straßen der Millionenstadt Sanaa ins beschauliche Leck: Ibrahim Alsunaidar hat eine neue Heimat gefunden.

Leck | Ein Stück weit war es Liebe auf den ersten Blick. Ibrahim Alsunaidar, Flüchtling aus Jemen, sah beim Lecker Straßenfest zum ersten Mal den Bürgerbus und war fasziniert. Dass ihn Ehrenamtliche fahren, um für mehr Mobilität auf dem Land zu sorgen, erfuhr er. Dass Fahrer gesucht werden. Und dass sich das Ladelunder Projekt zum Erfolgsmodell in der Region entwickelt hat. All das erzählte man ihm. Und schon kam ein alter Kindheitswunsch wieder hoch, der den 51-Jährigen immer schon beschäftigte: Busfahren als Herzensangelegenheit. So ergriff der Vater von sechs Kindern die Initiative und trat an Heike Prechel vom Bürgerbus-Team heran.

Die wiederum freute sich über das Interesse, denn Fahrer werden immer gesucht. Die ehemalige Lehrerin sah auch kein Problem darin, dass Ibrahim Alsunaidar, seit Ende 2014 wohnhaft in Leck, zwar fließend Englisch spricht, die deutsche Sprache aber nur recht holprig. Was man nicht kann, kann man lernen, so das Credo der beiden. Auch wenn damit viel Arbeit auf den Jemeniten zukommen würde.

Ibrahim Alsunaidar besaß zwar bereits einen EU-Führerschein, einen Personenbeförderungsschein galt es nun zu erwerben. Dafür musste er sich umfangreichen medizinischen Untersuchungen unterziehen, an einem Fahrsicherheitstraining teilnehmen und immer wieder pauken, pauken, pauken. Wichtige Vokabeln wie Gaspedal, Bremse, Seitenspiegel oder Rollator, Fahrschein, Sitzplatz. Auch büffelte er vorformulierte Sätze, die ihm im Umgang mit den Bürgern helfen sollten. „Bitte schnallen Sie sich an“, „Vorsicht beim Aussteigen“, „Schönes Wetter heute“ – was man als Fahrer im Alltag mit den Nordfriesen so benötigt.

Ibrahim Alsunaidar lernte alle 51 Haltestellen des Fahrplans mit Tariftabelle auswendig. Er übte sich darin, Telefonate mit der Fahrdienstleitung zu führen, was er anfangs wegen seiner noch geringen Sprachkenntnisse scheute. Am Ende aber meisterte er, der in seiner Heimat am Check-In eines Flughafens gearbeitet hatte, alle Hürden.

Ibrahim Al Sunaidar mit EU-Führerschein und Personenbeförderungserlaubnis.
Ibrahim Al Sunaidar mit EU-Führerschein und Personenbeförderungserlaubnis. Foto: Sybille Bremer
 

Bei seiner ersten Busfahrt standen ihm dann die Schweißperlen auf der Stirn, wie er erzählt. Doch alles lief gut, problemlos und unfallfrei. Inzwischen ist Alsunaidar seit drei Monaten im Bürgerbus-Team mit dabei. Jeden Dienstag- und Mittwochnachmittag sitzt er sichtlich stolz am Steuer. Die Aufregung ist gewichen, Routine eingekehrt. Der Hobby-Busfahrer kann sich mit den Fahrgästen verständigen – solange sie kein Plattdeutsch sprechen.

Die Resonanz auf den Asylbewerber am Steuer sei positiv, sagt Heike Prechel. „Die Fahrgäste schätzen seine freundliche, hilfsbereite Art.“ Auch wenn es zuweilen vorkommt, dass einige Bürger befremdlich reagieren, wenn sie ihn am Lenkrad sehen. Ob es Unsicherheit gegenüber allem Fremden ist oder Ängstlichkeit oder vielleicht sogar Ablehnung. Vor allem Teenager seien es, die ihm manchmal das Gefühl geben, als Fahrer nicht akzeptiert zu werden, sagt der Zugezogene und hofft, daran etwas ändern zu können. „Sie müssen mich vielleicht erst kennenlernen.“

Ibrahim Alsunaidar selbst muss auch noch so vieles kennenlernen. Für ihn, der ursprünglich aus der Millionenstadt Sanaa kommt und fünf Jahre in Kairo lebte, ist das Landleben eine Umstellung, das Fahren auf staufreien Landstraßen pure Erholung. „Die Ruhe“, sagt er, „ist das, was ich hier so mag.“

Alsunaidar will nach eigenen Angaben mit seinem ehrenamtlichen Engagement etwas von dem zurückgeben, was er selbst bekommen hat. Er will eine Aufgabe in der Gesellschaft haben, gebraucht werden. Sein Sohn ist in der Lecker Freiwilligen Feuerwehr aktiv. Eine seiner Töchter gibt anderen Flüchtlingen Deutsch-Nachhilfe. Der 51-Jährige selbst will fahren – für einen guten Zweck. Ibrahim Alsunaidar wartet darauf, dass sein Asylantrag anerkannt wird und er für immer in Südtondern bleiben kann. Wenn dem so ist, möchte er sich einen Job suchen, Geld verdienen. Busfahrer, das will er dann hauptberuflich werden.

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erstellt am 01.Feb.2017 | 16:08 Uhr

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