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Schwerhörige Schülerin aus Niebüll : Hören ist Aileens Schlüssel zur Inklusion – Krankenkasse streikt

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Um den Wortbeiträgen ihrer Mitschüler folgen zu können, müsste die Klasse einer elfjährige Schülerin mit Mikrofonen ausgerüstet werden. Doch die Krankenkasse streikt.

Niebüll | Die elfjährige Aileen Sürth wirkt wie eine normale Schülerin. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass die Gymnasiastin Hörgeräte trägt. Das Mädchen leidet seit ihrer Geburt unter einer beidseitigen Innenohrschwerhörigkeit. Aileen fällt das Verstehen ihrer Mitschüler daher sehr schwer. „Die Stimmen sind für mich oft sehr leise – wie in weiter Entfernung“, beschreibt das Mädchen ihren Schulalltag. Damit die Sechsklässlerin dem Unterricht in der Friedrich-Paulsen-Schule (FPS) künftig auch akustisch folgen kann, haben ihre Eltern bei der Krankenkasse die Kostenübernahme für sieben Mikrofone beantragt. Diese würden die Wortbeiträge ihrer Mitschüler direkt auf ihre Hörgeräte senden. Schule und das Landesförderzentrum Hören und Sprache unterstützen die Familie in ihrem Anliegen. Doch die AOK Rheinland/Hamburg lehnte den Antrag auch nach einem ersten Widerspruch erneut ab.

Die Begründung: Die bereits bewilligten Hörgeräte und ein Lehrermikrofon seien ausreichend. Diese Entscheidung können Aileens Eltern nicht akzeptieren: Notfalls wollen sie vor dem Sozialgericht in Schleswig Klage gegen den Bescheid der Krankenkasse einlegen. „Im Normalfall würde ich versuchen, die Geräte selber zu erwerben“, sagt Vater Michael Sürth. Doch als kranker Frührentner ließe sich der Stückpreis von rund 700 Euro pro Mikrofon beim besten Willen nicht alleine stemmen.

Auch die Klassenlehrerin Dörte Wilbrand hält den Standpunkt der AOK für falsch. Dafür hat die Pädagogin gute Gründe: Vor den Sommerferien konnte ihre Klasse mit 26 Schülern mehrere der Spezial-Mikrofone im Unterricht testen. Der Fachhändler-Firma „Niko Nissen“ hatte dieses sogenannte „Multitalker-Netzwerk“ probeweise zur Verfügung gestellt. Zuvor war nur die Lehrerin über ein Mikrofon direkt für die Schülerin hörbar gewesen. Jedes gesprochene Wort ihrer Mitschüler kam so klar verständlich bei Aileen Sürth an – und das hatte Konsequenzen. „Trotz des Lehrermikrofons gelang es Aileen zuvor nicht, dem Unterricht zu folgen“, erinnert sich Dörte Wilbrand. „Seit wir die Mikrofone benutzen, hat sich das Bild stark verändert: Aileen nimmt zum ersten Mal am Unterricht teil, sie meldet sich und traut sich nun auch laut zu sprechen.“ Auch die Vermutung, die Elfjährige sei den fachlichen Anforderungen der Schulform vielleicht nicht gewachsen, sei nach dieser Erfahrung vom Tisch gewesen.

Weitere Unterstützung für die Schülerin kommt auch aus Schleswig. „Um das Unterrichtsgespräch nicht zu behindern, benötigt Aileen beziehungsweise die Klasse mehrere Handmikrofone“, mahnt die Beratungslehrerin für hörgeschädigte Kinder im Kreis Nordfriesland, Jutta von Steinaecker, in einem Schreiben an die Krankenkasse. Zudem sei für die erfolgreiche Inklusion in eine Regelschule das Sprachverstehen von Seiten der Lehrer und der Mitschüler eine wesentliche Voraussetzung.

Aileen Sürth, die sich besonders für Mathe, Sport und Musik begeistert, wünscht sich, dass sie auf der FPS bleiben kann. „Ich möchte ungern wieder umziehen“, sagt die Elfjährige. Michael und Monika Sürth hoffen, dass ihrer Tochter ein annähernd gleichwertiger Start ins spätere Berufsleben gelingen darf und Inklusion am Ende nicht an einmaligen Kosten für sieben Mikrofone scheitert. „Wir haben von vielen Seiten bisher viel Unterstützung erfahren – dafür sind wir schon jetzt dankbar.“

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erstellt am 16.Sep.2015 | 16:00 Uhr

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