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Nordfriesland Tageblatt

24. November 2017 | 08:35 Uhr

Integration : Hilfestellung für einen Neuanfang

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

50 Flüchtlinge aus der ganzen Welt lernen in Integrationskursen der Volkshochschule Niebüll die deutsche Sprache und Kultur kennen

von
erstellt am 13.Jun.2015 | 07:30 Uhr

„Heckenrosenstrauch – das ist ein schwieriges Wort“, gibt Derya Zunker zu. „Wie würdet ihr die Silben trennen?“ Ihre Schüler überlegen kurz, dann kommen die Antworten. „Sehr schön, das war wirklich gut“, lobt die Dozentin. Gemeinsam mit Henrik Petschull hat sie heute die Leitung des Unterrichts. Es ist ein Integrationskursus der Volkshochschule (VHS) Niebüll. Die Teilnehmer sind Flüchtlinge, stammen aus den unterschiedlichsten Kulturen der Erde. Und doch haben sie alle ein gemeinsames Ziel: die deutsche Sprache erlernen.

Was kaum jemand weiß: Die Integrationssprachkurse bilden im Bereich der Volkshochschule Niebüll mittlerweile einen der Schwerpunkte. 50 Schüler, sie kommen aus Syrien, Irak, Albanien, Algerien oder Eritrea, werden im Schulzentrum zur Zeit in vier Gruppen unterrichtet. 13 Dozenten, unter Anleitung der ausgebildeten Pädagogin Ira Rabe-Bodenhagen, übernehmen diese Aufgabe. Eine von ihnen ist Rusanna Sakarlan (26): „Am Anfang geht es darum, die Hemmschwelle zu nehmen, denn einige Teilnehmer haben Angst davor, etwas falsch zu machen.“ Das ändert sich dann sehr rasch, und die Begeisterung darüber, etwas erreicht zu haben und Fortschritte zu machen, steigert sich. Lea Schmidt (31), ebenfalls Dozentin: „Sie fordern uns sogar auf, Test zu schreiben. Sie wollen ihre Kenntnisse bestätigt sehen.“ Die Teilnehmer bilden ein Team, helfen und korrigieren sich gegenseitig. Aber ohne Druck. Henrik Petschull; „Es ist eher ein spielerisches Leistungsabfragen.“ Und auch die Freizeit kommt nicht zu kurz. „Vor zwei Monaten haben wir sogar zusammen gekocht. Jeder hat etwas aus seinem Land zubereitet.“ Derya Zunker ergänzt: „Vor den Ferien frühstücken wir gemeinsam. Jeder bringt dann etwas mit. Es sind wirklich nette Menschen.“ Das bestätigt auch Gerd Heyde, Geschäftsführer der Niebüller VHS. „Sie sind sehr freundlich und dankbar für alles. Vor vier Jahren sind wir mit etwa drei bis vier Teilnehmern angefangen.“ Jetzt hat sich Zahl verzehnfacht. Vergessen darf man nicht, dass hinter jedem Lernenden auch ein Schicksal steckt. Denn grundlos macht sich niemand auf die häufig lebensgefährliche Flucht.

Gelder gab es zunächst von der Landesregierung aus dem Starterpaket für Flüchtlinge in Schleswig-Holstein (Staff-SH). Koordiniert wurde es vom Landesverband der Volkshochschulen Schleswig-Holstein. Das Ziel: eine neue Willkommenskultur im Rahmen einer sprachlichen Erstorientierung für Flüchtlinge anzubieten. Denn ohne das Erlernen der deutschen Sprache gestaltet sich die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben als schwierig. 100 Unterrichtseinheiten (zehn pro Woche), verteilt auf zwei Kurse pro Standort (pro Kursus mit einer Stärke von je etwa 15 Teilnehmern), waren geplant. Dabei geht es nicht nur um das Erlernen der Sprache. Auch die Orientierung im Alltag ist wichtig. Ergänzt wurde und wird die Ausbildung durch einen praktischen Teil, wie Exkursionen. Dazu gehören Ortstermine mit den Kursteilnehmern, die Besichtigung wichtiger Anlaufstellen ihres neuen Wohnortes (Behörden oder Sportstätten), aber auch gemeinsame Unternehmungen, um die neue Umgebung und die Kultur kennenzulernen, wie eine Wattwanderung. Finanziert wurde das Projekt „Staff-SH“ aus Mitteln des Innenministeriums und mit Mitteln aus dem Europäischen Flüchtlingsfonds mit jeweils 50  000 Euro. Davon wurden Honorare für Lehrkräfte, Schreib- und Lernmaterialien für die Teilnehmer sowie die Prüfungsgebühren bezahlt. Der Haken: Die Projektzeit von „Staff-SH“ war begrenzt von August 2013 bis August 2014.

„Und was kommt danach?“, fragten sich auch die Südtonderaner. Denn der Bedarf ist nach wie vor da. „All diese Menschen haben normalerweise keinen Anspruch auf eine Sprachausbildung“, sagt Gerd Heide. Sie können für Integrationskurse des Bundes zugelassen werden, wenn Platz ist. Flüchtlinge im laufenden Asylverfahren und Geduldete haben nicht einmal diese Möglichkeit. Das Amt Südtondern sprang ein. Die Mitglieder des Amtsausschusses haben auch in den Haushalt 2015 wieder als freiwillige Leistung Geld zur Verfügung gestellt, dass den Interessierten die Anreise und die Teilnahme (einige der syrischen Teilnehmer kommen beispielsweise aus Klixbüll) ermöglicht. Niebülls Bürgervorsteher Uwe Christiansen: „Alle Bürgermeister der 30 Gemeinden stehen voll dahinter. Das ist gelebte Integration.“

Gerd Heide ist begeistert: „Die Teilnehmer haben nun die Möglichkeit, Sprachkurse aufzunehmen, egal welchen Status sie haben.“ Die 13 Dozenten, finanziert durch den Kreis, das Land und das Amt, unterrichten derzeit in 20 Stunden pro Woche. Möglichst vormittags. „Man geht wie zur Schule und fühlt sich gleich integriert.“ Gemeinschaftsschule und Stadt haben die Räume zur Verfügung gestellt. Heide: „Die Zusammenarbeit ist toll.“ Das gilt auch für die Sozialzentren und die Südtondern Tafel.

 

 

 

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