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Kinderschutz in Nordfriesland : "Hier kennt man sich besser"

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Leiterin des Kinderschutz-Zentrums ist überzeugt: Hilfsnetzwerk im ländlichen Raum funktioniert / Zahl der Neumeldungen gestiegen

shz.de von
erstellt am 04.Mai.2013 | 07:34 Uhr

Nordfriesland | Wenn alle, die sich für Kinder engagieren, ein Netzwerk bilden, ist dies der beste Schutz und die beste Hilfe für die jüngsten Bürger. Einen entsprechenden Anstoß gibt das Bundeskinderschutzgesetz, das im Januar 2012 in Kraft getreten ist, und die rechtliche Grundlage für Kooperationen - beispielsweise von Jugendämtern, Schulen, Gesundheitsämtern, Ärzten, und Polizei - liefert.

"Im ländlichen Raum läuft die Vernetzung gut", betont Ursula Funk im Gespräch mit unserer Zeitung. Allerdings seien die Fahrwege weiter, so dass der Zeitaufwand höher ist. Sie leitet das Kinderschutz-Zentrum Westküste für Nordfriesland und Dithmarschen, das es seit 15 Jahren gibt. Es ist Anlaufstelle für alle, die Kinder und Jugendliche vor Gewalt und Vernachlässigung bewahren wollen, sowie für die jungen Betroffenen selbst. Denn neben Beratung steht auch Therapie auf dem Arbeitsplan. Das Zentrum wird finanziert vom Land Schleswig-Holstein, den beiden Kreisen und vom Träger, dem Diakonischen Werk in Husum.

Ursula Funk und ihr Team hatten kürzlich in Husum für die Bundesarbeitsgemeinschaft "Die Kinderschutz-Zentren" (Köln) einen Fachtag zum Bundeskinderschutzgesetz und zu Kinderschutz im ländlichen Raum organisiert. 120 Teilnehmer aus ganz Schleswig-Holstein waren der Einladung gefolgt, um sich nach den Ausführungen von Prof. Dr. Yvette Völschow (Universität Vechta) und Anselm Brößkamp (Jugendamt Kreis Plön) in Arbeitsgruppen mit Fachfragen zu befassen.

Die vorgestellten Untersuchungsergebnisse und Erfahrungswerte von Völschow und Brößkamp kann Ursula Funk nur bestätigen. So ist eine Zusammenarbeit der Akteure auf dem Land einfacher, da "man sich besser kennt", und Verbände, Vereine und die Kirche gut eingebunden sind. Demgegenüber steht jedoch, dass die Hemmschwelle, eine Anzeige zu erstatten, höher ist, da sich alle irgendwo irgendwann wieder begegnen werden.

Zwei weitere Erkenntnisse, die die Tagung aus Sicht des Teams vom Kinderschutz-Zentrum untermauert hat: Es besteht nach wie vor ein hoher Bedarf an Fortbildungen in Sachen Bundeskinderschutzgesetz, wobei bisher eine hohe Nachfrage aus Schulen und eine geringe aus der Ärzteschaft zu verzeichnen ist. Doch: "Alle sind in der Verpflichtung, genauer hinzusehen", betont Ursula Funk. Beratungen im Kinderschutz-Zentrum würden helfen, Sicherheit zu erlangen, beispielsweise darüber, wie ein Gespräch mit Eltern bei einem Verdacht auf Missbrauch geführt werden könnte.

Im Kinderschutz-Zentrum gibt es drei volle Stellen - verteilt auf vier Fachleute. Außerdem betreut ein Erzieher, dessen Vertrag auf drei Jahre befristet ist, seit Juli 2012 das Präventionsprojekt "Stark ist stark". Es soll Vereine und Verbände, mit denen ein Konzept erarbeitet worden ist, ermutigen, einen sexuellen Missbrauch "bestmöglich auszuschließen". Beschwerdemanagement und ein "Kinder-stark-mach-Programm" sind zwei Säulen dieser wichtigen Arbeit. Wer zum Thema in seinem Verein tätig werden möchte, erfährt per E-Mail (wulff@dw-husum.de) mehr bei Projektleiter Lars Wulff. Das Angebot ist kostenlos.

Zum multiprofessionellen Team des Kinderschutz-Zentrums mit einer Diplom-Psychologin, einer Diplom-Sozialpädagogin, einem Diplom-Pädagogen und einer Diplom-Heilpädagogin gehören neben Ursula Funk: Hilde Schneider, Christine Wacker und Martin Sanders. Die Chefin verschweigt nicht, dass eine zusätzliche Stelle fehlt, um die Aufgaben der Zukunft bewältigen zu können.

Die Statistik für 2012 belegt den Zuwachs an Arbeit für sie und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. So stieg die Anzahl der Neumeldungen von 2011 auf 2012 von 270 auf 346. Mit Fällen aus dem Vorjahr waren es 2012 insgesamt 452 Hilferufe, hauptsächlich von Müttern (214), die im Kinderschutz-Zentrum bearbeitet wurden. Notsituationen waren im vergangenen Jahr unter anderem ausgelöst worden durch: körperliche (41 Fälle, 2011: 45) und seelische Gewalt (25, 2011: 29), Vernachlässigung (17, 2011: 12) und sexualisierte Gewalt (143, 2011: 122). Betroffene gehörten vorrangig der Altersgruppe der Elf- bis Vierzehnjährigen (122) an, gefolgt von Sieben- bis zehnjährigen (100) und Fünfzehn- bis Achtzehnjährigen.Das Kinderschutz-Zentrum ist in Husum in der Theodor-Storm-Straße 10 zu finden und unter

Telefon 04841/691450 zu erreichen.

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