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Nordfriesland Tageblatt

19. August 2017 | 19:00 Uhr

Herzensbrecher und Seelenstreichler

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Erneut zu Gast in Südtondern: Der Hamburger Musiker Michy Reincke überzeugt im ausverkauften Charlottenhof mit viel Gefühl

„Alle Jahre wieder“ kommt der Hamburger Sänger Michy Reincke zum Konzert in den Charlottenhof. Der 57-Jährige, der vor 33 Jahren mit „Taxi nach Paris“ einen unvergessenen Hit landete, hatte am Sonnabend im vollbesetzten Saal ein Heimspiel. Familiär fiel daher auch die Begrüßung aus. „Schön, wieder hier zu sein!“ Doch bevor das Konzert starten konnte, musste die Gitarre repariert werden – die Gelegenheit für Michy Reincke, weiter zu erzählen. Schnacken kann er gut, stellten die Zuhörer schnell fest. Singen aber auch: Die Songs von der neuen CD „Sie haben den Falschen“ sind typische Michy-Reincke-Songs: Texte zum Nachdenken, eingängige Melodien, ein wenig Pathos, manchmal schwülstig, aber immer gefühlvoll. Unterlegt mit der passenden Begleitung: Philipp Mitov am Flügel.

Angesprochen werden dabei Männer wie Frauen. Bei „Sie ist ganz genau mein Typ“ warnt der Liedermacher vor Frauen als „tickenden Zeitbomben“. Das ist natürlich nie ernst gemeint, trifft den Nerv des Publikums. „Was mich an meinen lebenslänglichen Beobachtungen und Experimenten immer wieder verwundert hat, sind die Anziehungskräfte füreinander scheinbar komplett ungeeigneter Exemplare, die sich dann aber doch zusammenfinden und sich das Leben nachhaltig bereichern“, erläutert der Musiker seine Beweggründe für den Text.

Mit „Du brauchst keine Angst zu haben“ macht der Entertainer allen Mut. Um gleich danach in einem Song die Aspekte einer Trennung genauer zu beleuchten. In der ersten Reihe sitzen überwiegend Frauen, die das alles schon hinter sich haben und verständnisvoll nicken. Michy Reincke erreicht die Herzen, streichelt die Seelen und macht Komplimente. „Ihr seid die Guten“, sagt er lachend, „die anderen sitzen zuhause vor dem Fernseher.“ Dabei nutzt er die Gelegenheit, unsinnige Fernsehshows zu geißeln. „Wenn Kinder um den ersten Platz singen und Erwachsene um die Wette kochen und alle schauen zu, dann stimmt was nicht.“

Der Sänger plädiert für ein intensives Leben aus erster Hand, dazu passt sein älteres Lied „Steh auf und scheine!“ Zwischendurch erzählt der Barmbeker Jung immer wieder köstliche Anekdoten. So, als er Paul McCartney einmal die Hand gedrückt hat und (nicht) vergessen hat, diese wieder loszulassen. Ein Raunen geht durch den Saal, als der jung gebliebene Frauenschwarm die Bühne verlässt und nach einer Blondine sucht für den Song „Für immer blond!“ Die Wahl fällt auf Lockenkopf Steffi. Sie darf die Mundharmonika bedienen, das macht sie bravourös – und erarbeitet sich ein Souvenir.

Mit dem neuen Lied „Ozean“ wird noch einmal der Reichtum des Lebens gepriesen, ehe mit „Gib alles“ ein Protestsong angestimmt wird. Doch bevor das Publikum mitsingen darf, hebt der Inhaber eines kleinen Plattenlabels zu einer Brandrede gegen Musikkonzerne an. Diese seien bereits im Besitz des Finanzkapitals, es gehe nur noch ums Geldmachen. „Mein neues Album kostet 60  000 Euro“, so der Produzent, „ich möchte meine Leute für gute Arbeit gut bezahlen.“ Doch die gemeinsame Leistung lohne sich kaum noch, durch Plattformen wie Spotify sei der CD-Verkauf extrem zurückgegangen.

Musikalisch gibt es Wechselbäder in der Wahrnehmung: Nach schlichter Schlagermucke hört sich sein „Ich will die Sache nicht unnötig in die Länge ziehen“ an. Mit „Wir fliegen vorbei“ geht es einmal mehr um das Gefühlsleben und die Gunst des Augenblicks. Sein weitaus intensivster Song „Noah“ beschäftigt sich mit seinem Vater, der die Mutter und ihn seinerzeit verlassen hat, weil er mit der Situation, junger Vater zu sein, nicht klar kam. Michy Reincke schluckt und hat Mühe weiterzusprechen. Die Flucht des Vaters in den Alkohol wird thematisiert, als Mahnung an das Publikum. Das Lied beweist, dass der Künstler mehr zu bieten hat als leichte Kost. „Glücklich glücklich“ zelebriert die Doppelseite des Glücks – denn „man kann auch unglücklich verliebt sein – dann hat man beides.“ Zwischendurch gibt es nach viel Beifall Zucker für die Gäste: „Ihr habt einen ausgezeichneten Musikgeschmack.“ Die Klassiker „Nächte übers Eis“, „Taxi nach Paris“ und „Valérie, Valérie“ bilden einen furiosen Abschluss eines Konzertabends, der alle begeistert.

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erstellt am 04.Dez.2016 | 15:23 Uhr

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