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Kurz vorm Abriss : Hertie-Haus: Eine Ära endet

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Dierks, Karstadt, Hertie: Das Haus in der Hauptstraße 59 hat eine wechselvolle Geschichte. Es wird in den kommenden Tagen abgerissen.

Dunkel ist es und still. Seit fünf Jahren steht das Gebäude in der Hauptstraße 59/61 leer. „Räumungsverkauf“ – die Plakate an den Wänden im Erdgeschoss, einige Kleiderständer und sonstige Utensilien zeugen noch von dem letzten Abschnitt, dem unrühmlichen Ende als Hertie-Standort.

100 Jahre ist das heute durch seinen rosafarbenen Anstrich auffällige Bauwerk alt. Jetzt ist es bestenfalls eine gut erhaltene Ruine, das zum Schluss mit Recht als Schandfleck im Zentrum Niebülls bezeichnete Gebäude wird in dieser Woche abgerissen. Es macht modernen Wohn- und Geschäftsgebäuden Platz. Investor ist der Niebüller Hochbautechniker Stefan Kasch, Geschäftsführender Gesellschafter der Kasch-Wohnungsbaugesellschaft. Der Niebüller schafft auf dem 1968 Quadratmeter großen Areal, verteilt auf zwei Gebäudeeinheiten, 22 Eigentumswohnungen (inklusive Tiefgarage) sowie im Erdgeschoss des Neubaus an der Hauptstraße Gewerbeflächen.

Ein letztes Mal führt der Gang durch das Haus. Die wechselvolle Geschichte spiegelt sich in jeder einzelnen der drei Etagen wieder. Überall sind sie zu sehen, Relikte aus vergangenen Epochen: das alte Treppenhaus, altertümliche Schränke lassen den ehemaligen Glanz erahnen. In der Personalküche stehen noch Tabletts und Becher mit dem Karstadt-Logo – seit fünf Jahren unberührt. Ein paar Schlüssel hängen an einem Haken, der Kalender in der ehemaligen Werkstatt zeigt den 29. März 2009 an.

Im oberen Stockwerk drängt sich das Gefühl auf, in den 1920ern zu sein. Alte Holztüren führen in den Korridor. Der hölzerne Dielenfußboden hat schon lange keine Pflege mehr gesehen, die Wände, bis zur Hälfte grün gestrichen, und die Türen ebenfalls nicht. Sie führen in kleine Zimmer, in denen noch das alte Linoleum liegt. Tapeten sind kaum noch an den Wänden oder hängen in Fetzen herunter. Kleine Plastikschilder und sonstige Reste auf den Böden verraten, dass hier zum Schluss nur noch Ware gelagert wurde. Vielleicht weht gerade deshalb hier noch der Geist vergangener Glanzzeiten durch die Räume. Einst war hier die Privatwohnung der Kaufmannsfamilie Dierks.

Rückblende zum 1. April 1943: Ein junger Mann macht sich mit seinem Fahrrad auf den Weg von Tinningstedt nach Niebüll. Der 15-Jährige trägt seinen Konfirmationsanzug, dazu ein weißes Oberhemd, um seinen dünnen Hals eine von zwei Krawatten. An sein Fahrrad gebunden hat er in einem Sack sein Oberbett dabei. Manfred Clausen (heute 86) aus Leck hat seinen ersten Arbeitstag. Er ist kaufmännischer Lehrling im Textilhaus Hans Jürgen Dierks in der Hauptstraße (dem späteren Karstadt- und Hertie-Gebäude). Wohnen wird er in einem der Giebelzimmer im oberen Flur des Gebäudes. Für Kost und Logie – und ein wenig Lohn: vier Reichsmark pro Monat im ersten Lehrjahr, sechs Reichsmark pro Monat im zweiten Lehrjahr. Länger wird Manfred Clausen zunächst nicht bleiben – der Krieg holt auch ihn ein.

Sein Bruder Peter-Ludwig hat bei Dierks gerade ausgelernt, gibt Manfred allerlei Verhaltensregeln. Mittags und abends sitzen beide gemeinsam mit der Familie Dierks beim Abendessen zusammen. „Ich wagte bei Tisch kaum zu essen, aus Angst, ich könne vielleicht schmatzen oder etwas umwerfen“, erinnert sich der Zeitzeuge lachend.

Das Leben als Lehrling ist nicht einfach. „Wir mussten mit Seidenpapier die Fenster putzen.“ Jene im Eingangsbereich, der damals wie eine Passage angelegt war. Sie reichte etwas 10 bis 15 Meter weit in das Gebäude hinein, erhellt durch die Oberlichter. „Der ganze Stolz von Dierks.“ Weitere Aufgaben waren Glastische putzen und das Linoleum fegen. „Hierfür wurden feuchte Holzspäne auf dem Boden verteilt, damit beim Fegen der Staub nicht aufwirbelte und die Textilien verschmutzte.“ Und das Bohnern der Holzböden in den Obergeschossen gehörte dazu.

Im März 1945 wird der gerade erst 17-Jährige Soldat. Nach der Kapitulation verschlägt es ihn wieder in seinen Lehrbetrieb. Hier hat sich inzwischen einiges verändert. „In den letzten Kriegstagen wurde für das ,Volksopfer‘ alles an Textilien gesammelt und bei Dierks abgegeben.“ Die britische Besatzungsmacht hatte das Sagen. Sogenannte Fremdarbeiter, dabei handelte es sich um Zwangsarbeiter aus dem Osten, erhielten für ihre Arbeit in der Landwirtschaft in dem Warenhaus eine Grundausstattung, bestehend aus Holzschuhen sowie wattierten Jacken und Hosen. Abholen konnten sie sich die Kleidung gegen Bezugsscheine von einem Ladentisch, der in einem Extraraum stand.

„Richtig stolz war ich, als ich nach meiner Beförderung meine Kaufmannschere erhielt. Sie war am oberen Ende leicht gebogen“, erinnert sich Manfred Clausen. „Wenn ich die Woche über in Niebüll blieb, habe ich meine Hosen abends immer ins Bett gelegt. Morgens war sie dann wie gebügelt.“ Lange ist es her. Immer, wenn er heute durch Niebülls Hauptstraße geht, staunt Manfred Clausen: „Das Gebäude hat sich bis heute nicht verändert.“ In den kommenden Monaten und Wochen wird in der Hauptstraße etwas völlig Neues entstehen. Und das ist gut so.

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erstellt am 18.Okt.2014 | 16:32 Uhr

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