Auf der Walz : Heimkehr nach vier Jahren und 79 Tagen

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Die Walz hat Andreas Petersen bis nach Australien und Thailand geführt: Nun ist der Zimmermann reich an Erfahrungen wieder zurück in Stadum

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23. Mai 2015, 08:00 Uhr

Drei Jahre und ein Tag – das war die Pflicht, der sich Andreas Petersen aus Stadum im Februar 2011 freiwillig gestellt hatte. Freiwillig wurden daraus vier Jahre und 79 Tage, nach denen er jetzt von der „Walz“ in seinen Heimatort Stadum zurückkehrte.

Begleitet wurde er auf den letzten 800 Metern bis kurz vor das Ortsschild von 12 Weggefährten („Kameraden“), die mit ihm den finalen Streckenabschnitt auf der Straße singend und mit ausreichenden Zwischenpausen zum „Stärken“ überwanden. Für Autofahrer gab es kein Vorbeikommen. Sie fanden sich mit der Situation bewundernswert gelassen ab. Etwa 50 Meter vor dem Ziel löste sich Heimkehrer Andreas Petersen aus der Gruppe, musste die letzten Meter bis zum Ortsschild allein weitergehen, um dort von seiner Familie, vielen Freunden, Bekannten und Dorfbewohnern begrüßt und von seinen Eltern in die Arme genommen zu werden.

Im Februar 2011, an einem kalten, frostigen Wintertag mit schneebedeckten Feldern hatte er, frischgebackener Zimmerergeselle, am Ortsausgangsschild Stadum in Richtung Enge Abschied genommen von Familienangehörigen, Freunden, Bekannten und Kollegen, um gemäß dem mittelalterlichen Brauch „auf die Walz zu gehen“ und sich dabei mit den Bräuchen, Lebensgewohnheiten und Arbeitspraktiken anderer Regionen vertraut zu machen.

Im späten Mittelalter war die Walz für den Handwerksgesellen verpflichtend und außerdem Bedingung, Meister seines Fachs werden zu können. Heute ist sie eine Tradition, die von jungen Handwerkern unterschiedlichster Berufe freiwillig gepflegt wird, ohne dass von einer erfolgreichen Walz irgendwelche beruflichen Ansprüche, zum Beispiel mehr Lohn, abgeleitet werden könnten.

Die „rechtschaffenen fremden Gesellen“ – so die mittelalterliche Bezeichnung – erkennt man bei ihrer Wanderschaft an der markanten Kleidung, die bei den verschiedenen Berufen unterschiedlich ausgeprägt ist. Für die Zunft der Zimmerer gilt: Breitkrempiger Hut, Weste mit acht und Jacke mit sechs Knöpfen, Schlaghosen (mit 65 Zentimeter Schlag), beides aus schwarzem Cord, kragenloses weißes Hemd („Staude“), lose in den Kragen gesteckter schwarzer Schlips („Ehrbarkeit“) und der sogenannte Charlottenburger, ein 80 Mal 80 Zentimeter großes Tuch, das der Geselle zu einer rund 30 Zentimeter dicken und 70 Zentimeter langen Wurst formt. Darin sind seine Besitztümer (Bekleidung, Schlafsack, Handwerkszeug) verpackt. Zur Ausrüstung gehört weiterhin ein spiraliger Wanderstab („Stenz“). Als weiteres Ausstattungsmerkmal trägt der Geselle einen Ohrring. Früher war der aus Gold, um von dem Erlös des Ringes schlimmstenfalls ein ordentliches Begräbnis bezahlen zu können. Verhielt sich ein Geselle unzünftig (beging er zum Beispiel einen Diebstahl), so wurde ihm der Ohrring aus dem Ohrläppchen gerissen. Zukünftig erkannte man ihn gleich als „Schlitzohr“.

Wer auf Wanderschaft gehen will, muss unverheiratet und schuldenfrei, in der Regel nicht älter als 30 Jahre alt und Mitglied einer Gewerkschaft sein. Auf Handy und Laptop muss verzichtet werden. Die Statuten verpflichten den Wandergesellen, sich seinem Heimatort innerhalb von drei Jahren und einem Tag nicht näher als 50 Kilometer zu nähern.

Zur Ausstattung gehört das Wanderbuch, in das von den Gemeindeverwaltungen/Bürgermeistern mit Stempel und Unterschrift der Aufenthalt in den besuchten Orten bestätigt wird. Alle diese Regeln hat Andreas Petersen während seiner Wanderschaft eingehalten, wie er glaubhaft versichert und auch mit dem Wanderbuch nachweisen kann.

Die Frage, wie viele Kilometer er gewandert („getippelt“) ist, kann er nicht beantworten, aber es waren sehr viele, denn es wurde hauptsächlich getippelt und nur auf längeren Strecken per Anhalter „getrampt“. Öffentliche Verkehrsmittel sind während der Wanderschaft nicht nur wegen des Fahrpreises verpönt. Ausnahmen gibt es nur bei Reisen, die sich nicht anders bewältigen lassen.

Auch die Frage nach den Namen der besuchten Ortschaften war nicht spontan zu beantworten, es waren zu viele, um hier alle aufzuzählen. Aber die Aufzählung der von ihm besuchten Länder, in denen er zum großen Teil auch gearbeitet hat, kann sich als stolze Bilanz sehen lassen: Deutschland, Österreich, Schweiz, Belgien, Holland, Italien, Frankreich, England, Schottland, Polen, Dänemark, Australien, Thailand.

Arbeitsbedingungen, Arbeitstechniken, Baustandards und Entlohnung unterscheiden sich in den Ländern zum Teil deutlich von den Bedingungen in Deutschland, hat Andreas Petersen erfahren. Aber in allen besuchten Ländern ist die Tradition der „rechtschaffenen fremden Gesellen“ bekannt, und die Wandergesellen werden freundlich behandelt und willkommen geheißen.

Auf die Frage, was ihm diese mehr als vier letzten Jahre gebracht haben, antwortet er spontan: „Meine Erwartungen sind bei Weitem übertroffen worden.“ Beruflich habe er seine Kenntnisse und Fertigkeiten erweitern können, sehr viele Menschen kennengelernt, neue Freunde gewonnen und dabei Erfahrungen machen dürfen, die er nicht mehr missen möchte. Man spürt die erlebten Abenteuer, die sich hinter seinen Erzählungen verbergen.

Wie geht es jetzt weiter? In wenigen Tagen ist eine Reise nach Ribe/Dänemark zu einem Treffen der „Fahrenden Gesellen“, bei dem 400 Teilnehmer erwartet werden, fest eingeplant. Und danach? Über seine berufliche Zukunft macht sich Andreas keine Gedanken. „Arbeit gibt es überall auf der Welt – notfalls sogar in Heimatortnähe“, fügt er mit einem verschmitzten Lächeln hinzu.

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