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Denkmalschutz in Niebüll : „Hausbesitzern kein Korsett anlegen“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Denkmalschützer aus Südtondern wollen eine Debatte über den Schutz traditioneller Bauweisen anregen.

Wer als Tourist nach Südtondern reist, der erwartet friesisches Flair. Doch viele alte Friesenhäuser und andere geschichtsträchtige Gebäude drohen auf lange Sicht aus den zentralen Lagen zu verschwinden. Gründe dafür gibt es viele: Entweder ist den Besitzern eine Sanierung der alten Bausubstanz zu teuer, Erbstreitigkeiten verhindern den Umbau , oder der Standort eignet sich für den Bau renditeträchtiger Wohnungen. In beiden Fällen droht über kurz oder lang der Abriss.

Dass es auch abseit des klassischen Denkmalschutzes Wege gibt, um den Verlust der friesischen Identität aufzuhalten, zeigen Beispiele aus Waygaard, Risum-Lindholm, Rodenäs und Niebüll. „Wir haben damals festgestellt, dass es eine ganze Reihe Schandflecke gab – teilweise waren die Häuser wegen den hohen Kosten für Reetdächer abenteuerlich gedeckt“, erinnert sich Hauke Christiansen, Bürgermeister von Risum-Lindholm. Abhilfe schaffte hier vor 26 Jahren das Projekt „Dorferneuerung“, das mit Geld aus Gemeinde-, Landes- und Bundestöpfen besonders neue Reetdächer finanzierte. „Wir haben damals eine große Zahl privater Maßnahmen fördern können.“ Auch in Dagebülls Ortsteil Waygaard und in Rodenäs soll friesische Bautradition erhalten bleiben. Eindeutige Ortsgestaltungssatzungen (OGS) schützen hier die historische Bauweise. Abweichungen von den Vorgaben sind damit verboten. Daneben gibt es private Initiativen wie von der Kreishandwerkerschaft, die den Niebüller Wasserturm nach altem Vorbild wieder herrichtet (wir berichteten). Aber auch mancher Hausbesitzer entscheidet sich bewusst für den historischen Look seiner Immobilie und zeigt damit Sensibilität für die Ortsgeschichte.

Besonders diesen privaten Willen zum Erhalt des Ortsbildes wollen Holger Jessen und Georg Böhm, die sich für den Denkmalschutz engagieren, weiter stärken. „Wir müssen uns fragen, ob wir durch Gesetze und Verbote schützen wollen, oder durch Initiativen aus der Bürgerschaft“, sagt Jessen. Man müsse sich vor Augen führen, dass die Investition in historische Bausubstanz besonders die Stadt auch für Touristen weiterhin attraktiv macht. „Wenn Besucher kommen, dann wollen sie hier sicher keine pinken Fliesendächer mit Solaranlagen darauf sehen“, verdeutlicht Jessen überspitzt.

Die wachsende Stadt Niebüll befindet sich momentan in einem besonderen Spannungsfeld: Durch Zuzug wird immer mehr Wohnraum gebraucht. Gleichzeitig steigt damit auch der Druck auf alte Bausubstanz. Allein in der Stadt mit ihren knapp 10 000 Einwohnern gibt es 36 einfache und 15 eingetragene Kulturdenkmäler. Dass auch dieser Status keinen dauerhaften Schutz bedeuten muss, zeigt sich am Niebüller „Küsterhaus“ von 1800, das seit einem Eigentümerwechsel zunehmend in Verfall gerät. Dabei gehört der reetgedeckte Backsteinbau gemeinsam mit dem zweibogigen Süderportal und der Christuskirche von 1729 zu einem Ensemble, das als Postkartenmotiv der Stadt gilt. Und bezeichnenderweise ist das älteste Haus der Stadt in der Deichstraße gar nicht als schützenswert erfasst.

Georg Böhm, der sich in der Interessengemeinschaft Baupflege Nordfriesland & Dithmarschen (IGB) engagiert, ist trotzdem nicht daran gelegen, die Denkmalschutzliste auf viele Privathäuser zu erweitern – im Gegenteil: „Wir wollen Hausbesitzern kein Korsett anlegen“, so Böhm. „Stattdessen möchten wir eine Diskussion darüber anregen, wie wir mit unserer Vergangenheit in der Zukunft umgehen wollen.“ Man müsse nun offen darüber reden, wo und wie man erhalten wolle. „Ziel ist, dass man das nordfriesische Langhaus auch in 50 Jahren noch in seiner traditionellen Bauform antrifft.“

 

 

 

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